Stiller Advent

Morgenandacht im Deutschlandfunk am Montag, 01.12.2008 von Beate Hirt, Frankfurt


Am liebsten würde ich einfach mal eine Minute schweigen, jetzt und hier im Radio. Das geht natürlich nicht, ich tue es auch nicht. Aber so ein, zwei Minuten Stille: Die wünsche ich Ihnen und mir immer mal wieder. Weil sie so unglaublich gut tun können. Weil sie einen zur Besinnung bringen können. Ganz besonders heute und in den kommenden Wochen wäre das nicht schlecht. Der Advent hat begonnen. Besinnlich und ruhig wird der für immer weniger Menschen ausfallen. Ganz im Gegenteil: Die meisten rüsten sich am heutigen Montag für eine Zeit, die ganz besonders laut und hektisch zu werden verspricht. In der Zeit bis Weihnachten: Da steigt fast überall der Lärm- und Stressspiegel. In den Geschäften, auf den Straßen, in den Firmen und Büros und auch in den Familien. Es werden Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern finden statt, es geht in das Jahresendgeschäft. Und bis zum 24. kann man die Weihnachtslieder kaum noch hören, weil sie in den Kaufhäusern und auf den Weihnachtsmärkten schon rauf und runter gedudelt wurden. Es bleibt dabei: Der Advent ist zweifellos eine besonders laute Zeit.

Und deswegen find ich sie für die nächsten Wochen besonders wichtig: die Momente der Stille. Ich werde im Advent erst recht versuchen, ganz bewusst still zu werden, gelegentlich zumindest. Auch, wenn das natürlich gar nicht so einfach ist. Denn das ist ja das Seltsame: Wir stöhnen oft über zu viel Lärm und zu viel Hektik, wie beschweren uns über Stress, über all das Gedudel auf der Straße, in der Firma, in den Geschäften. Aber einfach mal den Lärm für kurze Zeit ausknipsen: Das tun wir denn doch kaum. Dabei könnten wir es ja oft, wenn wir wirklich wollten - und, ok, wenn vielleicht nicht gerade ganz kleine Kinder um uns herum sind. Wir könnten gelegentlich Ruhepausen einlegen, Stillschweigen.

Ich gebe zu: Auch ich schaffe es selten. Aber ab und zu gönne ich mir die Stille. Und jetzt für den Advent habe ich sie mir besonders vorgenommen. Morgens, bevor ich starte zum Beispiel. Vielleicht schaffe ich es dafür sogar, ein bisschen früher aufzustehen. Um Stille zu tanken für den lauten Tag, bei einer Kerze und einer ersten Tasse Kaffee. Stille ist aber auch tagsüber möglich, irgendwann nachmittags im Büro, gerade wenn die Hektik besonders schlimm wird. Tür zu, alle Geräte aus, nichts hören und sehen und einfach nur da sein. Gut gebrauchen kann ich einen Moment Stille vor allem aber auch abends, nach dem Nachhausekommen. Wenn der Lärm noch nachhallt und ich k.o. bin vom Tag. Auch da werde ich ab und zu probieren, üben: still sein, nicht gleich wieder Geräte einschalten, nicht gleich wieder reden. Und es sind wunderbare Momente, die ich dann erlebe: Ein bisschen ist es, als ob ich dem ganzen Körper Kurzurlaub gönne: Die Ohren entspannen sich, alle Sinne kommen zur Ruhe. Und ich kann mich selbst ganz anders wahrnehmen. Plötzlich fühl ich meinen Atem. Ich werd innerlich entspannter. Und die Seele entspannt sich mit, wird sanft und milde.

Stille im Advent: Ich finde, sie passt auch gut zur Jahreszeit. In den nächsten drei Wochen werden die Nächte immer noch länger und länger, zur Wintersonnenwende hin. Die Dunkelheit: Auch die lädt dazu ein, ruhiger zu werden. Gerade nicht zu lärmen und zu hetzen, sondern die Nacht auszuhalten und sie als Chance zu nützen: als Chance zur Stille. Und dann ist da natürlich auch noch das Ereignis, auf das der Advent zuläuft: Weihnachten. Ein seltsames und besonderes Ereignis: Gott lässt sich herab zu den Menschen, in einem kleinen Kind. Vielleicht kann ich auch das anders verstehen und feiern, wenn ich im Advent ab und zu stille Momente hatte. Ab und zu ganz still geworden bin, in mich hinein gehört habe. Vielleicht kann ich so am Ende des Advents auch anders ankommen: bei der Stillen Nacht.