Ostern - Das Leben in Fülle

Morgenfeier hr2-kultur Ostersonntag, 12. April 2009 um 7.30 Uhr

Harald Seredzun, Pfarrer, Messel und Darmstadt-Kranichstein
Dr. Sabine Gahler, Pastoralreferentin, Messel und Darmstadt-Kranichstein

Am 20. März war Frühlingsanfang. Am 9. April, am vergangenen Donnerstag, war der erste Vollmond im Frühling. Heute ist also der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Deshalb ist heute Ostern. Nein, deshalb ist nicht Ostern. Das ist nur die Grundlage, nach der das Datum des Osterfestes berechnet wird. Ostern gehört ja bekanntlich zu den beweglichen Festen. Es kann sehr früh sein - Ende März - oder sehr spät - Ende April - oder halt irgendwo dazwischen, je nach Frühlingsvollmond. Aber Ostern ist nicht das Fest des ersten Frühlingsvollmonds. Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu. Diese Botschaft ist nicht so leicht greifbar. Dennoch gilt Ostern, in Verbindung mit dem Karfreitag, als höchstes Fest der Christenheit. Emotional ist das wohl nicht so. Emotional ist vermutlich für viele Weihnachten das höchste Fest. Weihnachten hat ein festes Datum. Es scheint greifbarer. Die Geburt eines Kindes ist ein greifbares Geschehen. Das Bild der Weihnachtskrippe erreicht unmittelbar das Gemüt. Weihnachten feiert sich leichter als Ostern. Das merkt man schon an den Liedern. Weihnachtslieder kennen ziemlich viele. Man hört sie schon im Advent in den Kaufhäusern und auf den Märkten. Sie werden auch im Radio gespielt. Es gibt ganze Sendungen mit Weihnachtsliedern. Auch im Fernsehen. Osterlieder - gewiss, es gibt viele Lieder, die die Auferstehung Christi besingen. Sie stehen in den kirchlichen Gesangbüchern. Aber ganze Sendungen im Radio oder Fernsehen mit Osterliedern? Ein Osterlied, das man auswendig singen könnte? -

Musik I

Frühlingsfeste gab und gibt es zu allen Zeiten. Sie gehören zum kulturellen Urgestein der Menschheit. Die Menschen sind fasziniert vom Erwachen der Natur nach dem Winterschlaf. Aber unsere Vorfahren konnten die Natur noch nicht mit Naturgesetzen erklären. Sie wussten nicht, warum es den Wechsel der Jahreszeiten gibt. Sie erklärten sich das mit religiösen Vorstellungen. Im Erwachen der Natur im Frühling sahen sie die Rückkehr der Fruchtbarkeitsgötter, die zum Winter das Land verlassen hatten. Diese Vorstellung findet sich in vielen Variationen mythologischer Geschichten.
Das christliche Osterfest reiht sich nicht ein in die Tradition dieser Frühlingsfeste. Auch wenn das Datum nach dem ersten Frühlingsvollmond berechnet wird, Ostern hat seinen Grund in einem historischen Geschehen: Im Tod Jesu am Kreuz. Der Tod Jesu am Kreuz ist ein historisches Ereignis. Dieses Ereignis, der historische Karfreitag, hat für den christlichen Glauben eine entscheidende Bedeutung. Der christliche Glaube sagt: Hier am Kreuz wurde die Menschheit erlöst, der Kreuzestod Jesu ist das entscheidende Ereignis der Menschheitsgeschichte. Gott, der Mensch geworden ist, der als Jesus von Nazaret in dieser Welt lebte, hat alle Schuld aller Menschen aller Zeiten ans Kreuz getragen. Er ist in den Tod gegangen, um den Tod zu besiegen.
Der Apostel Paulus sagt über Jesus Christus das gewaltige Wort: Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. - Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. (Kol 1,16) - Vom Urbeginn an, von dem Augenblick an, da in einer gewaltigen Explosion das Weltall entstand, wartet die Schöpfung auf dieses Ereignis. Galaxien entstanden und entstehen und vergehen, Sterne entstanden und entstehen und vergehen, Planeten entstanden und entstehen und vergehen, alles ist dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen, der Mensch ist dem Tod unterworfen, bis zu dem Tag, an dem der in den Tod geht, durch den und auf den hin alles geschaffen wurde. Karfreitag bedeutet: Der Tod ist nicht mehr tödlich.

Musik II

Der Tod Jesu Christi durchbricht den Tod hin zur Auferstehung, zu einem ganz neuen, ganz anderen Dasein. In einer ganz anderen Dimension der Wirklichkeit. Auferstehung bedeutet keine Rückkehr in diese Welt. Auferstehung bedeutet kein Leben nach dem Tod als eine Art Verlängerung des menschlichen Daseins. Auferstehung bedeutet das Hinübergehen des Menschen in die ganz andere Welt Gottes, bedeutet Leben in einer unvorstellbaren Intensität und Fülle. Diese Lebensfülle übersteigt menschliche Vorstellungskraft. Die Bibel sagt es mit den Worten des Apostels Paulus so: "Was kein Auge geschaut, kein Ohr gehört, was keinem Menschen je in den Sinn gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihm glauben" (vgl.1 Kor 2,9). Die Auferstehung Jesu Christi - im Gegensatz zum Tod am Kreuz - ist insofern kein historisches Ereignis, als sie die Wirklichkeit von Raum und Zeit durchbricht. Historische Realitäten sind aber Realitäten in Raum und Zeit. Die Realität der Auferstehung geht in andere, uns unbegreifbare Dimensionen der Wirklichkeit. Dennoch gründet sie in einem historischen Geschehen. Der Karfreitag hat ein historisches Datum. Auch wenn wir das nicht genau kennen. Auf dieses Datum folgt Ostern. Ostern fällt so zu sagen nur zufällig in den Frühling. Ostern reiht sich nicht ein in die mythologische Kultur der Frühlingsfeste. Genau so wenig ist es einfach ein Volksfest im Frühling. Gleichwohl ist das Erwachen der Natur ein schönes Gleichnis für das, was Ostern bedeutet: Das Fest der Auferstehung zum ewigen Leben.

Musik III

Es ist ein persönliches Bekenntnis, wenn ich sage: Auch an Ostern steckt mir der Karfreitag in den Knochen. Nicht, weil ich vorgestern an einem Karfreitagsgottesdienst teilgenommen habe und der Tod Jesu mir nahe gekommen ist. Der Karfreitag steckt mir in den Knochen, weil ich einen sterblichen Leib habe, weil ich von Geburt an auf den Tod zugehe. Jeder hat, wenn ich das so sagen darf, seinen persönlichen Karfreitag vor sich. Gewiss nicht ständig vor Augen. Das wäre nicht gut. Das würde lebensuntüchtig machen. Aber tief im Inneren gibt es dieses Wissen, das sich nicht immer verdrängen lässt. Und in manchen Stunden will ich die Verdrängung auch bewusst nicht zulassen. Ich will meine Vergänglichkeit, meine Sterblichkeit annehmen. Ich will ja sagen zu meinem Tod. Schon mitten im Leben. Ob ich dieses Ja auch in meiner Sterbestunde bewusst sagen kann, weiß ich nicht. Das kann ich auch nicht beeinflussen. Nein, mitten im Leben will ich ja sagen zu meinem Tod. Wie Jesus Christus ja gesagt hat zu seinem Tod. Damit, so glaube ich, wird mein Tod, wird mein Ja zum Tod mit dem Tod Jesu Christi verbunden. Ich vertraue darauf, dass Jesus Christus mein Sterben in seinen Tod mit hinein nimmt. Ein altes Gebet lautet: Jesus, dir leb' ich, Jesus dir sterb' ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tod.
Es ist ein Gedanke, der sich nicht leicht in Worte fassen lässt: Aber ich glaube: Durch das Ja zum Sterben und zum Tod wird das Sterben innerlich umgestaltet. Es ist nicht nur ein natürliches, irgendwann unabwendbares Verlöschen des Lebens. Es ist nicht nur ein passives Geschehen. Unser Sprachgebrauch „ich sterbe" ist ein Aktiv. Man sagt nicht im Passiv: Ich werde gestorben. Obwohl das Sterben von Passivität im ganz ursprünglichen Sinn des Wortes, das heißt von Erleiden geprägt ist. Wir erleiden den Tod. Und dennoch: Durch das bewusste Ja zum Sterben und zum Tod wird das Sterben innerlich umgestaltet: Es wird zur Hingabe. Und indem Jesus Christus diese Hingabe mit seiner Hingabe verbindet, wird der Tod in Leben verwandelt. Und nicht nur der Tod wird verwandelt, alles Leid, alle Wunden des Lebens werden verwandelt.

Musik IV

Auferstehung verwandelt den Tod in Leben. Und Auferstehung verwandelt alles Leid, alle Wunden des Lebens. Ein christliches Symbol für Ostern, das in allen katholischen und in vielen evangelischen Kirchen steht, ist die Osterkerze. Eine große Kerze, bezeichnet mit dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabetes: Alpha und Omega. Die Bibel nennt an einer Stelle (vgl. Apk 1,8) Jesus Christus das Alpha und das Omega, das bedeutet Ursprung und Vollendung des Lebens. Durch ihn und auf ihn hin ist alles geschaffen. - Auch mit einem Kreuz ist die Osterkerze bezeichnet. Und an diesem Kreuz sind Nägel aus Wachs, die die Wundmale des Gekreuzigten symbolisieren. Ich finde es eigentlich erstaunlich, dass die Osterkerze die Wundmale des Gekreuzigten trägt. Die Osterkerze ist doch das Zeichen für den Auferstandenen, der alles Leid überwunden hat. Allerdings gibt es für die Wundmale an der Osterkerze einen biblischen Bezug. Es gibt eine Erzählung, in der der Auferstandene sich seinen Jüngern zeigt, und er zeigt ihnen dabei auch seine Wundmale (vgl. Joh 20,24 ff.). Das sagt mir: Alle Wunden, die das Leben schlägt, haben Teil an der österlichen Verwandlung. In der Auferstehung offenbart alles Leid seinen jetzt nicht erkennbaren Sinn. Die Auferstehung verwandelt alles Leid, verwandelt den Tod in Leben. Das dunkle Tor des Todes öffnet sich hin zum Licht des ewigen Lebens. Tief im Herzen des gläubigen Menschen, wenn auch tief verborgen, lebt immer das Halleluja.

Musik V

Ostern - es scheint schwer greifbar. - Auch die biblischen Autoren haben das gespürt. Ihnen ist klar: Ihre Texte sind keine Reportagen. Keiner stand in der Grabeshöhle und hat Filmaufnahmen von der Auferstehung gemacht. Die Auferstehungserzählungen versuchen, das Unbegreifbare greifbar zu machen. Durch Bilder und Begegnungen, in denen für einen kurzen Augenblick die göttliche Wirklichkeit in die Welt der Menschen hinein strahlt. Die Evangelisten sprechen vom leeren Grab, von Engeln, die erscheinen und die Frage stellen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

In gewaltigen Bildern erzählt das Matthäusevangelium vom Osterereignis:
"Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Plötzlich entstand ein gewaltiges Erbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee. Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden. Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen." (Mt 28,1-7)

Erdbeben begleitet das Erscheinen des Engels, der den Felsen vom Grab wegwälzt. Das bedeutet: Die ganze Natur erbebt in diesem Geschehen, das den Tod besiegt und neues, unzerstörbares Leben hervorbringt. Die ganze Schöpfung erzittert in Geburtswehen. Mit der Auferstehung Jesu beginnt eine ganz neue Schöpfung, die die Vergänglichkeit und die Macht des Todes hinter sich lässt.

Leiser ist jene Begegnung am Ostermorgen, die das Johannesevangelium erzählt:
"Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Maria... stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat. Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater hinauf gegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte." (Joh 20,1.11-18)

Ostern ist nicht zu verstehen ohne den Karfreitag. Auch die biblischen Texte von der Auferstehung setzen an bei der Erfahrung des Karfreitags.
Maria steht weinend am Grab. Das Grab ist leer. Sie kann es nicht begreifen. Verzweiflung ist es, was sie spürt: Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat. Verzweiflung packt sie, kein Osterjubel.

Maria steht weinend am Grab. Und plötzlich spürt sie die Gegenwart des Auferstandenen. Ein kleines Wort, behutsam gesprochen, und doch trifft es ihr Herz: Maria! - Maria, ihr Name, mit dem er sie so oft angeredet hat. Augenblicklich spürt sie seine Zuwendung und Nähe - doch nur für einen Augenblick: Halt mich nicht fest!

In dieser Erzählung des Johannesevangeliums berühren sich für einen kostbaren Augenblick die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit des Menschen. Doch der Mensch begreift es nicht sofort. Der Evangelist versucht dies deutlich zu machen durch die Verwechslung, die geschieht. Maria erkennt Jesus nicht. Maria hält Jesus für den Gärtner. Jesus lebt als Auferstandener in der ganz anderen Wirklichkeit Gottes. Er ist derselbe, aber eben doch ganz anders. Er ist nahe und ist doch nicht fest zu halten.
Wie soll man auch anders von diesem Ereignis reden? Wie kann man mit Worten beschreiben, was hier geschehen ist? Die Auferstehung Jesu geht über das Beschreibbare hinaus. Aber die Auferstehung kann spürbar werden. Maria von Magdala spürt es. Für einen Augenblick darf sie erfahren: Der Tod ist nicht das endgültige Aus. Der Gekreuzigte lebt in der ganz anderen, in der verborgenen Welt Gottes. Nur für einen Augenblick lässt Jesus seine Nähe spüren.

Musik VI

Gottes Wirklichkeit und unsere Wirklichkeit - getrennt und doch ganz nahe beieinander. Die Maler des Mittelalters haben das auf eine einfache und geniale Weise dargestellt. Auf vielen alten Darstellungen der Verkündigung z.B. Der Engel Gabriel verkündet Maria, der Mutter Jesu, dass sie ein Kind empfangen soll. Dabei werden Maria und der Engel in ganz verschiedenen Räumen dargestellt. Der Engel wird auf einem goldenen Hintergrund gezeigt, Maria steht in der irdischen Welt. Gottes Wirklichkeit und unsere Welt sind voneinander getrennt und doch ganz nah beieinander. Und so findet sich das auch auf manchen Ostergemälden. Maria von Magdala und Jesus zusammen auf einem Bild und doch in getrennten Räumen. Ein Stab, den der auferstandene Jesus in den Händen hält, ein verschiedener Untergrund oder ein Weg, der durch das Gemälde geht, bilden optisch die Trennlinie. Die Wirklichkeit Jesu und die Wirklichkeit Marias getrennt - und doch verbunden. Oft sind es die ausgestreckte Hand Marias oder die segnende Hand Jesu, die die Grenze durchbrechen.
Halte mich nicht fest - Noli me tangere - das Wort Jesu, das er an Maria richtet, ist der Titel solcher Osterbilder. Auf einigen dieser Bilder wird Jesus wie ein Vorübergehender dargestellt, mit wehender Siegesfahne und beherztem Schritt.
Halt mich nicht fest, sagt Jesus zu Maria. Das Unbeschreibbare bleibt unbeschreibbar. Das nicht Darstellbare bleibt trotz all der großartigen Gemälde von der Auferstehung letztlich nicht darstellbar. Das österliche Geheimnis verkündet eine Wirklichkeit die größer ist als unsere erfahrbare Wirklichkeit. Tief im Herzen lebt das Halleluja. Und an Ostern will das Herz singen.

Musik VII