Ankommen bei Gott

Predigt am Hochfest Christi Himmelfahrt im Hohen Dom zu Mainz

02.06.2011

Mit dem Fest Christi Himmelfahrt steht nicht die historische Darstellung eines Geschehens in Raum und Zeit im Vordergrund, sondern es geht gerade um den Schritt über Raum und Zeit hinaus, um den Weg des Menschen in den Sinn aller Geschichte, um den Weg des Menschen zu Gott. Zugleich wird uns mit diesem Fest auch deutlich gemacht, dass wir uns nicht mühsam diesen Weg bahnen müssen, sondern dass Jesus ihn zurückgelegt hat, einen Weg, der nicht in der Verlorenheit, sondern in einem alles erfüllenden Sinn endet.


Wenn wir aber von unserem Weg als Menschen sprechen und darin die Verheißung, die für uns Christen mit unserem Lebensweg gegeben ist, wahrnehmen, dann ist und bleibt dieser Glaube aber immer ein herausgeforderter Glaube. Was mit Jesus tatsächlich geschehen ist und was er uns mit dem Osterfest offenbart, den Sieg des Lebens über den Tod, muss dann in unserem eigenen Leben seinen Platz finden. Wer in der großen österlichen Botschaft lebt, der kommt auch im Laufe seines Lebens und in diesem Glauben auch in Phasen in der Dunkelheit und des Zweifels. Quälend können dann die Fragen werden, ob das denn alles so ist, wie es in der Bibel steht und ob wir uns ganz und gar darauf verlassen können, was uns die Zeugen der ersten Stunde unserer Kirche berichten. Oder wartet auf uns doch nur der kalte Tod und das sinnlose Nichts?


Genau darum geht es in einem großen, bedrängenden Text von Jean Paul, der diesen im Jahre 1795 niedergeschrieben hat. Er trägt den Titel: „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei." Er ist geradezu das österliche Gegenstück, ungewöhnlich erschreckend. Jean Paul schildert einen Traum. Er sieht in diesem Traum, wie sich der Nachthimmel auftut und den Blick in einen unendlichen Weltraum freigibt. Er sieht, wie das Äußerste und das Innerste der Welt bloßgelegt wird, wie die Gräber auseinanderklaffen und die Toten der Auferstehung entgegenzittern. Dann erscheint der tote Christus am Himmel, eine unendlich edle Gestalt, erschüttert von namenlosem Schmerz. Als er erscheint, rufen die Toten der Erde ihm voll Angst zu: „Christus, sag uns, ist kein Gott." Und er muss ihnen antworten: „Es ist keiner". Und dann berichtet Christus den Toten in den Gräbern, was mit ihm im Augenblick seines eigenen Todes geschah: „Ich ging durch die Welten, ich stieg durch die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüste des Himmels, aber, es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft. Ich schaute in den Abgrund und rief: „Vater, wo bist du?" Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert und der schimmernde Regenbogen ... stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrund und tropfte hinunter."


Und dann kommt die furchtbarste Stelle des ganzen Textes. Christus berichtet, wie er in dem unermesslichen Raum die Augen des Vaters suchte und sie nicht fand. Nur der unendliche Kosmos starrte ihn mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuerte es."


Hier hat Jean Paul viele der geheimen Ängste und Einsamkeiten des modernen Menschen vorausgeahnt. Er hat auch die Versuchung eines Christen genannt, die heißt: „Wie, wenn es nach dem Tod doch aus wäre, wenn doch das Nichts käme und die Nacht und der ewige Schlaf ohne Ende, wie wenn alles Glauben vergebens gewesen wäre?"


Hier sind die eigentlichen Fragen zu unserem Fest heute gestellt. Die Frage, ob sich das alles so im einzelnen auch ereignet hat, ist nicht entscheidend. Zugespitzt lautet unsere Frage vielmehr: „Hat unser Leben ein Ziel und einen Sinn oder nicht?" Diese Frage ist höchstpersönlich, niemand kann sie uns abnehmen. Wir müssen uns entscheiden zwischen einem letzten Ziel und einer letzten Ziellosigkeit, zwischen einem letzten Sinn und einem letzten Unsinn. Vor diese Entscheidung stellt uns Ostern und stellt uns unser Fest heute.


Aber wenn alles so ist, ist es dann nicht besser, einfach das Leben auf sich beruhen zu lassen mit all seinen Dunkelheiten und seinen Rätseln, all das Schweigen in Geduld und Tapferkeit auf sich zu nehmen und alles Jenseitige als Geheimnis stehen zu lassen, weil uns dazu ja kein Wissen zukommt?


So menschlich es ist, das Unerforschliche schweigend anzunehmen, wir sind und bleiben dennoch Fragende. Wir fragen nach dem Ganzen und hören damit auch nicht auf. Die Frage, was geschieht mit uns im Tod, was geschieht mit unserem Leben, mit unserem Ich, mit unserem Bewusstsein, mit unserem Dasein, wenn wir gestorben sind? Die muss mit uns gehen, wir haben das Recht und die Pflicht, so zu fragen.


Wenn wir aber über den Tod und das Jenseits sprechen, sprechen wir über etwas, was ja keiner von uns Lebenden bisher erfahren hat. Und die Antwort auf die Fragen, die wir stellen, können wir nicht außerhalb des Glaubens finden. Dieses „nur im Glauben" darf allerdings nicht negativ verstanden werden als etwas, was übrig bleibt, wenn man eben nichts Genaues weiß, denn das meint Glauben im theologischen Sinn gerade nicht, Glauben heißt, sich einem anderen anzuvertrauen und gerade dadurch besser zu sehen und besser zu erkennen.


Nehmen wir das Wichtigste und Größte in der menschlichen Erfahrung, die menschliche Zuneigung und Liebe. Dass ein Mensch einen anderen Menschen von Herzen liebt, kann der Geliebte nur glauben. Da helfen weder Analysen noch Experimente. Je mehr wir versuchen, einen Menschen psychologisch zu sezieren, umso mehr entgleitet er uns in seiner Ganzheit. Natürlich gibt es Zeichen, Versicherungen, Beweise der Liebe, aber wenn dann der Zweifel kommt, der sagt: Wer weiß, was dahinter steckt?, dann werden diese Zeichen wertlos. Wir können nur glauben, dass ein anderer uns wahrhaft liebt. Und wir können mit nichts anderem entgegnen als mit unserer eigenen Liebe und die bedeutet immer, ein Wagnis einzugehen. So verhält es sich mit allen großen Dingen des menschlichen Lebens, so verhält es sich auch mit unserem Wissen von dem, was uns im Tod begegnen wird. Auch hier müssen wir glauben und vertrauen. Wir müssen daran glauben, dass in unserem Tod das Ziel, das Geheimnis unseres Lebens verborgen ist, dass sich in diesem Tod ein unendlicher Horizont eröffnen wird, dass wir nicht in das Nichts, sondern in Gott hineinsterben werden. Wir werden Gott dann endgültig und für ewig begegnen. Und damit ist alles gesagt, das Gesagte klingt so einfach und für den Skeptiker nicht akzeptabel, aber für den, der den lebendigen Glauben lebt, ist es die Antwort, die alles umfasst, in der der Verstand aber nur wenig zu erklären vermag. Er ist an der Grenze, wo Gott erst anfängt.

Weihbischof Dr. Werner Guballa