Aneinander denken, füreinander beten - zum Amoklauf

Was muss das heute Morgen für ein Erwachen sein, für die Familien und Freunde der Toten von Winnenden bei Stuttgart. Vielleicht wollen sie gar nicht wach werden, vielleicht würden sie am liebsten weiterschlafen, fliehen in die Träume der Nacht. Denn wenn sie heute Morgen aufwachen, kommt ja der wahre Alptraum zurück, die furchtbare Erinnerung an gestern. 16 Menschen sind bei dem schrecklichen Amoklauf getötet worden, die meisten davon Jugendliche, 14-,15-Jährige. Fassungslos macht einen das. Wie kann so etwas passieren? Was muss in einem Siebzehnjährigen vorgehen, wenn er so etwas Sinnloses und Furchtbares tut, wenn er Mitschüler, Lehrerinnen, Passanten umbringt? Über den Täter kommt man ins Grübeln. Aber heut morgen möchte ich an die Opfer denken. An diejenigen, die getötet wurden - und vor allem an ihre Familien und Freunde.

Wie mag das Erwachen für sie heute sein. Ich versuche es mir vorzustellen. Aber ich weiß auch, ich kann mich nicht wirklich in sie hineinversetzen. Den Schmerz und die Trauer, die sie erfüllen, die kann ich nicht ermessen. Ich will es auch nicht, und ich will mir auch nicht anmaßen, ihre Trauer zu verstehen. Und erst recht nicht will ich mir anmaßen, ihnen billigen Trost zu spenden. Wenn ich heut morgen an die denke, die jetzt mit furchtbarer Trauer im Herzen aufwachen, dann vor allem, weil ich überzeugt bin: Es ist gut, wenn Menschen aneinander denken in solchen Zeiten. Das ist vielleicht nicht viel. Und trotzdem: Es ist gut, wenn einer an den anderen denkt und wenn Trauernde Nähe spüren, auch von wildfremden Menschen. Ich hab das selber schon einmal in eigener Trauer erlebt: Es hat gut getan, dass fremde Menschen mir die Hand gaben, mich in den Arm genommen haben. Und ich glaube, das geht den meisten Menschen so. Es tut gut, wenn mir andere zeigen: Auch, wenn ich dich kaum kenne, auch, wenn ich deine Trauer nicht ermessen kann, ich denk an dich, du bist nicht allein.

Wenn ich heute Morgen an die Trauernden bei Stuttgart denke, dann bete ich auch. Mein Gott, geht es mir durch den Kopf, bitte, sei bei ihnen. Gib ihnen die Kraft, diesen Tag zu bestehen. Und gib vielen Menschen Mut, sie zu trösten.

 

Beate Hirt, Frankfurt 
Zuspruch hr 1 und hr2-kultur / Donnerstag, 12. März 2009