ZEUGE DES WORTES GOTTES: HERMANN KARDINAL VOLK (1903 – 1988)
Hermann Kardinal Volk bei Papst Johannes Paul II.
Freunde: Hermann Kardinal Volk bei Papst Johannes Paul II.

Tagung der Akademie des Bistums Mainz anlässlich des 100. Geburtstages am 5./6. Dezember 2003 in Mainz (Erbacher Hof)

Es gilt das gesprochene Wort

I.

Bischof wird man nicht, wenigstens nicht so, wie man andere Berufe ergreift. Man kann sich auch nicht wirklich darauf vorbereiten. Dies macht es gar nicht so leicht, über die persönliche Seite des Bischofs zu sprechen. Manche werden dies begrüßen, weil sie ohnehin stärker die amtliche Seite betonen möchten. Aber der Bischof ist kein Funktionär, sodass eben die personale Art und Weise, wie er sein Amt ausfüllt und ausübt, wiederum von großer Bedeutung ist.

Es kommt also entscheidend darauf an, was ein Bischof, wenn er in dieses Amt berufen wird, an Gaben und Befähigungen mitbringt. In diesem Sinne ist Hermann Volk reich gesegnet in das Bischofsamt gekommen.

Da ist zunächst einmal die Herkunft aus einem einfachen, gläubigen Elternhaus, das ihn zeitlebens prägte. Er wurde am 27. Dezember 1903 als Sohn des Sattlermeisters Franz Volk und seiner Ehefrau Catharina Josepha, geb. Kaiser, in Steinheim am Main geboren. Dort besuchte er die Volksschule und im benachbarten Hanau das Gymnasium. Steinheim ist bis heute vom katholischen Leben tief geprägt. Trotz der Durchmischung der Konfessionen, gerade auch im Rhein-Main-Gebiet, beträgt der Katholikenanteil fast 60 %. Eine ganze Reihe von Priestern sind aus den beiden Gemeinden St. Johann Baptist und St. Nikolaus hervorgegangen. Hermann Volk hing sehr an seiner Heimat, was sich schon darin zeigt, dass er den Turm in Steinheim in sein Wappen aufnehmen ließ. Nie konnte er sich damit abfinden, dass Steinheim nach Hanau eingemeindet wurde. Er hat sich beständig geweigert, die neue Postanschrift „Hanau 7" zu verwenden.

Er hatte eine große, weit verzweigte Verwandtschaft, um die er sich auch durchaus kümmerte. Er hatte grundlegend gute Erfahrungen gemacht in seiner Familie und fühlte sich stets getragen von der Glaubenskraft besonders auch seiner Eltern. Seine ältere Schwester Emmy hat ein Stück weit diese Heimat für ihn gerettet, indem sie ihm über viele Jahrzehnte das Haus führte. Sein Bruder Dr. Georg Volk, ein namhafter, hoch angesehener Mediziner in Offenbach, bildete auf seine Weise eine wichtige Brücke in das Denken und Leben des elterlichen Hauses.

Unmittelbar nach dem Abitur begann Hermann Volk mit dem Studium der Philosophie und der Theologie am Priesterseminar in Mainz. Man atmete in diesen zwanziger Jahren nach dem Krieg immer noch auf. Die Geldnot im Lande konnte die Menschen jedoch nicht von einer erstaunlich großen geistigen Lebendigkeit abhalten. Die katholische Welt war stark geprägt von Namen wie Karl Adam, Erich Przywara und Romano Guardini. Man wird sicher sagen dürfen, dass der junge Hermann Volk durchaus von den entscheidenden Tendenzen der Jugendbewegung und der Liturgischen Bewegung erfasst war. Auch wenn die Professoren im Priesterseminar in der Theologie der Zeit nicht die erste Geige spielten, so haben einige Professoren den jungen begabten Studenten mächtig angeregt, besonders der Philosoph Weingärtner, der Dogmatiker Giegler und vor allem der Moraltheologe Wendelin Rauch. Wendelin Rauch stammte aus dem Erzbistum Freiburg. Kaum jemand wusste, was erst nach dem Krieg an den Tag kam, dass er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, nämlich im Jahr 1938 zum Bischof von Fulda gewählt war, aber wegen des Einspruchs der Nazis nicht ernannt werden konnte. Schließlich war er von 1925 – 38 Professor für Moraltheologie in Mainz und wurde 1948 Erzbischof von Freiburg (1948 – 1954). Er entfaltete konsequent die ganze Moraltheologie aus dem Prinzip „Die Wahrheit tun". Hermann Volk war von Wendelin Rauch stark beeindruckt. Er war auch sein späterer Primizprediger. Am 2. April 1927 wurde er durch Bischof Ludwig Maria Hugo zum Priester geweiht. Die Kaplanszeiten in Alzey (1927 – 1931) und in Mainz, St. Ignaz (1931 – 1935), hat er nie vergessen. Hier wurde der große Seelsorger geformt. Nie hat er diese seine erste und elementare Berufung zurückgedrängt oder hintangestellt.

Im Bistum hatte man lange keinen Priester mehr zum Weiterstudium freigestellt. Es herrschte auch noch lange Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Priestermangel. Schließlich wurde Hermann Volk zum Weiterstudium bestimmt. Alle hielten ihn für den geeigneten Mitbruder. Der junge Kaplan war begabt in Richtung des philosophischen Denkens, seine Leidenschaft betraf aber mehr die Theologie selbst. Der damalige Mainzer Bischof brauchte eigentlich einen Philosophen und einen Dogmatiker. Also ließ man die endgültige Bestimmung etwas offen und schickte den angehenden Wissenschaftler nach Fribourg in die Schweiz. Hier beginnt dann auch seine Leidenschaft für das Bergwandern und auch für das Besteigen der Berge. Es sollte ihn nie mehr loslassen, besonders die Berge im Wallis hatten es ihm angetan. Er widmete sich zuerst einem Grundbegriff der Theologie, der es ihm schon im Mainzer Priesterseminar angetan hatte und ihn zeitlebens beschäftigte, nämlich der Kreatürlichkeit. Um sein Denken zu schärfen und anzureichern, hat er die Kreaturauffassung bei Karl Barth bearbeitet. 1938 wurde er in Fribourg in der Schweiz mit der Dissertation „Die Kreaturauffassung bei Karl Barth" zum „Dr. phil." und nach kurzer Zwischentätigkeit als Substitut (Aushilfe) in Nidda 1939 in Münster mit der Abhandlung „Emil Brunners Lehre von der ursprünglichen Gottebenbildlichkeit des Menschen" zum „Dr. theol." promoviert. Nach Aushilfen in Offenbach, St. Paul, und in Gau-Odernheim (1940/41) wurde er im oberhessischen Nidda 1941 Pfarrkurat. In dieser extremen Diaspora-Situation – erst später kamen durch die Heimatvertriebenen mehr Katholiken in die Gegend – hat er die katholischen Mitchristen in fast dreißig umliegenden Ortschaften betreut. Viele kleine Gemeinden hat er vor allem während der Woche mit dem Fahrrad aufgesucht. Aber er blieb auch hart an der wissenschaftlichen Arbeit. Er hat nämlich bereits im Jahr 1942 der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster seine Habilitationsschrift „Emil Brunners Lehre von dem Sünder" vorgelegt. Er blieb jedoch als Seelsorger in Nidda bis nach dem Kriegsende.

Es war zunächst ungewöhnlich, dass ein damaliger Dogmatiker drei seiner wissenschaftlichen Arbeiten den Fragestellungen evangelischer Systematiker widmete. Dies zeigt schon sehr früh die ökumenische Ausrichtung von Hermann Volk, damals übrigens ziemlich einzigartig, zumal Hermann Volk von seiner Heimat Steinheim her ganz katholisch verwurzelt war. In diesen Arbeiten zeigt sich auch, dass der junge Volk philosophisch zwar durchaus von der scholastischen Tradition geprägt war, im Umweg vor allem über Emil Brunner aber doch sich intensiv am dialogisch-personalen Denken orientierte. Dies hat ihn ein ganzes Leben lang begleitet. In dieser Nähe zu einem personalistischen wie auch heilsgeschichtlichen Denken zeigt sich vielleicht am stärksten seine geistig-wissenschaftliche Herkunft von Michael Schmaus, seinem Lehrer in Münster. Er bleibt Schmaus gegenüber jedoch bei aller Dankbarkeit etwas verhalten, vermutlich besonders auch wegen der Verwicklungen von Schmaus in den Nationalsozialismus. So musste Schmaus 1945/46 die Fakultät in Münster verlassen. Hermann Volk übernahm im Oktober 1945 die Vertretung und schließlich im Sommer 1946 eine Ordentliche Professur für Dogmatik an der Universität Münster.

Heute noch sind viele seiner damaligen Hörer von dem überzeugt-überzeugenden Stil von Volks großen Vorlesungen geprägt. Die aus dem Krieg heimkehrende Generation hat hier einen gefunden, der ihr Suchen verstand und zu erfüllen wusste. Hermann Volk fand großen Anklang als akademischer Lehrer. Auch der junge Hans Küng wollte sich bei ihm habilitieren. Volks Tätigkeit in Münster fand im Jahr 1954/55 einen gewissen Höhepunkt, als er Rektor der dortigen Universität war. Aber der überaus große Erfolg und die hohe Akzeptanz von Hermann Volk als akademischer Lehrer und darin schon damals Zeuge des Glaubens verdankte sich auch der beeindruckenden Menschlichkeit Hermann Volks. Er war ein Mensch mit Leib und Seele, kein verknöcherter Professor. Dabei zeigte sich immer wieder sein wacher Sinn für die Musik und alle anderen Formen der Kunst. Er hatte zeitlebens auch eine ausgesprochen schauspielerische Neigung. Nicht zufällig förderte er das Theater der Stadt Münster – unvergesslich seine theologische Einführung in Paul Claudels „Der seidene Schuh" – und war bis zu seinem Tod eng befreundet z.B. mit August Everding, aber auch mit großen Schauspielern, die damals in Münster spielten, z.B. Gustav Gründgens. Es war auch später unverkennbar, dass der Bischof Hermann Volk bis in die Predigt und die Gestaltung des Gottesdienstes hinein viel von der Gebärde und Geste, der Mimik und dem dramatischen Spiel des Theaters einbrachte. Wir sehen und hören ihn noch predigen im Mainzer Dom, wie er z.B. in der Festpredigt beim 1000-Jahre-Domjubiläum mit dem Bischofsstab deutlich an die Mauern klopft und fragt: „Feiern wir bloß uralte Steine...?" und dannschließlich den Saum seines Talars und seiner Albe weit hochzieht: „Oder sind wir Leute mit komischen Kleidern...?". – „Wenn ich nicht Priester geworden wäre, könnte ich Schauspieler sein", soll er in seiner Münsteraner Zeit gesagt haben. Vor allem aber hat er im Bereich der Kunst wie auch sonst immer wieder das Gespräch mit den Menschen der Gegenwart gesucht. In diesem Dialog hat er den unverkürzten Glauben der Kirche zur Sprache zu bringen versucht und zugleich seinen Partner und dessen Denken ganz ernst genommen. Dies verband wiederum den Theologen und den Wissenschaftler.

Nach dem Tod von Bischof Albert Stohr – auch er Dogmatiker und sehr aufgeschlossen für die Erneuerung der Liturgie – wurde Hermann Volk am 3. März 1962 vom Domkapitel zu seinem Nachfolger und zum 86. Nachfolger des hl. Bonifatius gewählt. Der Abschied von der Aufgabe eines theologischen Lehrers fiel ihm nicht leicht. Seine Abschiedsvorlesung „Theologie des Wortes Gottes" zeugte nicht nur davon, wie sehr die Zuwendung zum Wort Gottes in der Heiligen Schrift die Achse seiner Theologie war, sondern gab auch einen wichtigen Vorblick des künftigen Konzilsvaters Hermann Volk auf das bald beginnende Zweite Vatikanische Konzil. Denn dort konnte Hermann Volk, zumal auch im Gespräch mit den evangelischen Theologen, diese Gedanken fruchtbar und wirksam ins Spiel bringen. Dies gilt besonders für die immer noch unterschätzte Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum".

Der Weg dorthin erfolgt rasch. Papst Johannes XXIII. ernennt Hermann Volk am 25.3.1962, dem Fest der Verkündigung Mariens, zum Bischof von Mainz. Er wird am 5. Juni, dem Fest des heiligen Bonifatius, im Dom zu Mainz durch den Freiburger Metropoliten, Erzbischof Hermann Schäufele, konsekriert und übernimmt die Leitung des Bistums. Am 8. Oktober reist der neue Bischof von Mainz zum Konzil. Am 11. Oktober wird unter Teilnahme von mehr als 2500 Vätern das Konzil feierlich eröffnet. Mit Hermann Volk ist auch sein langjähriger akademischer Weggefährte Joseph Höffner zum Bischof von Münster (1962 – 1969) und später zum Erzbischof von Köln (1969 – 1987) berufen worden. Im Drei-Päpste-Jahr 1978 nehmen sie zusammen als Kardinäle an beiden Papstwahlen dieses Jahres teil.

II.

Gerade das Zweite Vatikanische Konzil hat herausgestellt, dass jeder Bischof Mitverantwortung trägt über seine Diözese hinaus. Jedes Bistum ist auch über das Kollegium der Bischöfe und den Papst mit der ganzen Kirche verbunden. Insofern gibt es im Bischofsamt viel stärker eine weltkirchliche Mitverantwortung und auch eine missionarische Dimension. Dies sind Aspekte, die Hermann Volk während des Zweiten Vatikanischen Konzils sehr konkret erfährt, und die auch künftig wichtige Elemente in seiner eigenen Führung des Bischofsamtes darstellen werden. Dies gilt für die weltkirchliche Ebene, vor allem nach der Berufung in das Kardinalskollegium im Jahr 1973, aber auch für den Bereich der Deutschen Bischofskonferenz.

Deshalb ist ein kurzer Blick nötig, um sich die Mitarbeit von Hermann Volk in den Gremien und Organen der Deutschen Bischofskonferenz zu vergegenwärtigen. Von Anfang an ist er über zwanzig Jahre, nämlich von August 1962 bis September 1982, Mitglied der Glaubenskommission, neun Jahre davon (1969 – 1978) ist er ihr Vorsitzender. Von September 1964 bis März 1976 ist er Mitglied der Liturgiekommission, von 1964 – 1969 ihr Vorsitzender. Von Anfang an ist er übrigens auch Mitglied der Ökumene-Kommission (ab August 1962 bis zu seinem Ausscheiden aus der Bischofskonferenz). Schließlich ist er von März 1968 bis Mai 1976 Mitglied der Kommission für Wissenschaft und Kultur. Er nimmt auch teil an einer Reihe von regelmäßig stattfindenden Zusammenkünften, so z.B. im Kontaktgesprächskreis, einer zweimal jährlich stattfindenden Begegnung zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Diese Einrichtung gibt es bis heute. Dazu kommen noch viele zeitlich beschränktere, aber doch langfristige Aufgaben, denen sich Hermann Volk nicht verweigerte, so z.B. die Gemeinsame Ökumenische Kommission zur Überprüfung der Lehrverwerfungen des 16. Jahrhunderts (1980 – 1985), in Mainz nach dem Papstbesuch im November 1980 beschlossen. Großen Anteil hat der Bischof von Mainz auch am Zustandekommen des Katholischen Erwachsenen-Katechismus, beide abgeschlossen unter der maßgebenden Mitarbeit und Verantwortung von Friedrich Kardinal Wetter.

Dies ist gewiss nur ein beschränkter Ausschnitt aus einem sehr intensiven Einsatz für die Erneuerung der Kirche in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils. Man denke hier auch an die intensive Mitarbeit von Bischof Volk in den nachkonziliaren römischen Kongregationen, z.B. bei der Erneuerung der Liturgie. Bischof Hermann Volk stand von Anfang seines Amtes vor allem im weiten Horizont der Weltkirche, wie sie in einem Konzil versammelt ist. Da ein allgemeines Konzil der Kirche nur äußerst selten erfolgt, ist es auch für einen Bischof von einem unvergleichlichen Erlebnis- und Erfahrungswert. Es wäre vermessen, den Anteil von Bischof Volk an der theologischen Arbeit des Konzils in Kürze würdigen zu wollen. Im Blick auf die Kirchenkonstitution „Lumen gentium" hat Günther Wassilowsky bereits viele einzelne Elemente zusammengetragen. Die systematische Nutzung des Nachlasses steht jedoch aus. Volks theologischer Berater, Pater Otto Semmelroth, hat früher schon die Bedeutung der Mitarbeit für die Kirchenkonstitution aufgezeigt. Kardinal Willebrands schreibt anlässlich der Verabschiedung Kardinal Volks als Mainzer Bischof am 27. Dezember 1982: „Im Rückblick auf die Konzilsdokumente zeigt sich, welche weittragenden Früchte Ihre damalige Arbeit getragen hat. Nahezu alle zentralen Gedanken und Vorschläge haben nachprüfbaren Einfluss gehabt, namentlich auf die Konstitutionen ‚über die göttliche Offenbarung‘, ‚über die heilige Liturgie’ und ‚über die Kirche‘".

Es ist darum mehr als verständlich, dass Papst Paul VI. den Mainzer Bischof am 5.3.1973 durch seine Ernennung zum Kardinal in seiner Bedeutung für die ganze Kirche, besonders hinsichtlich des Zweiten Vatikanischen Konzils, ausgezeichnet hat. Dabei muss auch der Paderborner Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger genannt werden, weil beide hohe Verdienste für die ökumenischen Aussagen und für das Zustandekommen des heutigen Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen haben, und ihre Kardinalsernennung gewiss auch in diesem Zusammenhang zu sehen ist. In dieser Eigenschaft hat Kardinal Volk im schicksalsreichen Jahr 1978 zweimal bei der Wahl eines neuen Papstes mitgewirkt, nämlich der von Johannes Paul I., der vorher einmal Mainz besucht hatte, und der von Johannes Paul II., der wenige Wochen vor seiner Wahl zum zweiten Mal in Mainz weilte. Papst Johannes Paul II. hat Kardinal Volk immer wieder gewürdigt. Immer wieder hat er mir selbst gegenüber Kardinal Volk als „großen Freund" bezeichnet.

Als Kardinal Volk nach einem kurzen schweren Krebsleiden am 1. Juli 1988 verstarb, war Papst Johannes Paul II. wenige Tage vorher zu einem Pastoralbesuch in Österreich. Der Papst hatte mir am Sonntag, 26.Juni, Grüße und Segenswünsche an Kardinal Volk übermittelt, dem es immer schlechter ging. Ich hatte Sorge, ihn noch lebend anzutreffen, konnte aber am Dienstag, 28.Juni, die Grüße des Papstes noch persönlich überbringen. Man spürte die innere Beteiligung des Papstes an der Krankheit des Mainzer Bischofs. Der Papst war nach dem Gottesdienst am Sonntagmorgen in Salzburg auch deshalb innerlich aufgewühlt, weil an diesem Morgen der neu ernannte Kardinal Hans Urs von Balthasar plötzlich verstarb, der sich eben nach Rom zum Konsistorium aufmachen wollte. Am Tag des Todes von Kardinal Volk wurde Hans Urs von Balthasar in Luzern beerdigt. Beide waren über Jahrzehnte eng befreundet.

Das Leben und Wirken von Bischof Hermann Volk ist eng verbunden mit der Ökumene. Obgleich er aus einer ganz katholischen Umgebung kam, gehört das ökumenische Engagement, wie oben schon im Blick auf die Theologie dargelegt wurde, zu den großen Kräften und Aufgaben in seiner gesamten Lebenszeit. Die getrennten Kirchen hat er dann auf seine Weise in der oberhessischen Diaspora, vor allem in Nidda, kennengelernt. Als er 1945/46 als Professor nach Münster ging, gehörte er zu den ersten Mitgliedern des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen. Über eine lange Zeit blieb er von katholischer Seite aus wissenschaftlicher Leiter in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Edmund Schlink, der die evangelische Seite in der wissenschaftlichen Leitung vertrat. Es war geradezu providenziell, dass man sich von 1946 an, als Deutschland noch in Trümmern lag, über 15 Jahre hindurch jedes Jahr fast eine Woche im Jaeger-Stählin-Kreis, wie man auch sagte, genauer kennenlernen konnte. Denn diese anfangs ohne jede Öffentlichkeit stattfindende wissenschaftliche Arbeit und die menschlichen Begegnungen waren eine hervorragende Voraussetzung für die Zusammenarbeit zwischen den katholischen Konzilsteilnehmern und den evangelischen Konzilsbeobachtern. Aus Deutschland ist hier an erster Stelle Edmund Schlink zu nennen. Insofern hat die ökumenische Arbeit in Deutschland noch reiche Früchte getragen für das Zweite Vatikanische Konzil. Der weitere Fortgang dieser Arbeit braucht hier nicht beschrieben zu werden. Kardinal Volk ist nach dem Ausscheiden von Kardinal Jaeger von 1975 bis 1988 Vorsitzender dieses Arbeitskreises von katholischer Seite aus gewesen. Ich selbst bin 1974 als wissenschaftlicher Leiter und 1988 auch als Vorsitzender nachgerückt.

Einen wichtigen Part hatte Kardinal Vok auch bei der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland von 1971 bis 1975 in Würzburg. Er war Mitglied der Sachkommission I „Glaubenssituation und Verkündigung", der entsprechenden Kommission zur Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Ich selbst war bis Februar 1973 Vorsitzender dieser Synodenkommission. Kardinal Volk hat sich besonders in die Diskussionen um das Grundsatzdokument „Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit", aber auch diejenigen von „Die Beteiligung der Laien an der Verkündigung" und ganz besonders um den zum Teil schwer umkämpften Text „Christlich gelebte Ehe und Familie" eingeschaltet. Selbstverständlich tat er das auch im Blick auf andere Dokumente, wie etwa „Gottesdienst" und „Pastorale Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst an der christlichen Einheit". Auch in dieser Hinsicht ist vieles noch ein weißer Fleck auf der Landkarte der Erforschung seines Wirkens. Die vielen Wortmeldungen und „Modi" von Kardinal Volk, die ja verhältnismäßig leicht zugänglich sind, bedürfen noch der Auswertung. Zweifellos hatte Kardinal Volk großen Anteil an der klugen - nämlich zugleich entschiedenen und doch flexiblen - Haltung und Führung der Deutschen Bischofskonferenz in und gegenüber der Synode. Es waren für den Kardinal schwierige Jahre, da er zum Teil unter zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden litt. Die Nerven lagen bei verschiedenen Wortmeldungen, besonders wenn sie unglücklich-aggressiv oder theologisch unzureichend formuliert waren, blank. Es fiel ihm schwer, mit einer unmittelbaren Reaktion angesichts einer oft langen Liste von bereits angemeldeten Wortmeldungen warten zu müssen. Am liebsten hätte er die eine oder andere Äußerung lieber rasch in der Luft zerrissen. Es fiel ihm angesichts der gesundheitlichen Belastung schwer, länger zu warten. Der aufgestaute Ärger hat sich dann freilich nicht selten beinahe explosiv entladen. Ich erinnere mich an manche Episode, die vermutlich nirgends niedergeschrieben ist.

Hermann Volk war durch seine Herkunft und seine Begabung, seine theologische Ausrichtung und seine seelsorgliche Sensibilität ein Mann, dem sehr am unmittelbaren Gespräch lag. Besonders bei Konflikten – ich denke hier an die Auseinandersetzungen mit Hans Küng – suchte er das gezielte Gespräch zur Klärung. Ein solches Vorgehen entsprach ganz seiner Art. Aber dies hat ihn nicht dazu verführt, sich in Glaubensfragen anzupassen. Bei aller Offenheit war er ein entschiedener und entschlossener Kämpfer, wenn es um die Wahrheit und Zuverlässigkeit des Glaubens ging. Dabei kam es ihm stets auf die Sache an. Es hat ihm auch nicht genügt, fragwürdige Lehranschauungen zurückzuweisen, denn er wusste, dass die positive Vertiefung der christlichen Lehre unvergleichlich entscheidender ist. Darum lag ihm an solchen Hilfen, die eine größere Einsicht in den Glauben der Kirche ermöglichten. Bewahren gelingt nicht ohne Erneuerung. Wo aber Widerspruch eingelegt werden musste, um die bleibende Mitte des Evangeliums zu markieren, litt Hermann Volk zwar an unversöhnlichen Konfliktsituationen, aber der Kardinal war von Anfang an auch ein unerschrockener, entschiedener und klarer Anwalt des Glaubens der Kirche. Er hat auch als Bischof nie das Gespür verloren, wo Türen offen bleiben müssen für das weitere theologische Forschen. Gelegentlich deutete der eine oder andere diese kluge Umsicht und das feine Unterscheidungsvermögen als Schwäche. Wenn jedoch in unserer Kirche seit dem Konzil – bei allen Schwierigkeiten – eine im Ganzen sachliche und versöhnliche Atmosphäre zwischen Theologie und Lehramt entstanden ist, so kommt das Verdienst hierfür in besonderer Weise Hermann Volk zu. Nie handelte er, gerade bei Provokationen, leichtfertig. Er litt nicht selten unter der Last und Tragweite von Entscheidungen. In ungewöhnlicher Kollegialität ließ er sich von seinen Amtsbrüdern, aber auch von wissenschaftlichen Theologen aller Disziplinen, beraten. In diesem Sinne war er immer ein partnerschaftlich und dialogisch eingestellter Bischof, der freilich die eigene Verantwortung nicht scheute. Aber ich habe nie erlebt, dass er sich auf eine Position reiner Autorität zurückgezogen hätte. Kerzengerade strebte er immer nur nach Einsicht in die Sache. Dadurch hatte sich Kardinal Volk indirekt die größtmögliche Autorität erworben. Er musste auf keine zusätzliche pochen.

Diese grundsätzliche Einstellung bereitete Hermann Volk manchmal schwere innere Konflikte. Er hat es sich nie leicht gemacht, wenn es um die Verantwortung des Glaubens ging. Ich möchte nur drei Beispiele nennen, die ich selbst in unmittelbarer Nähe erfahren durfte, einmal die Auseinandersetzungen um Hans Küngs „Unfehlbar?" und „Christ sein", dann der schwierige Auftrag, nach den mitteleuropäischen Pastoralsynoden gemeinsam ein Votum zur Geschiedenenpastoral auszuarbeiten (Kardinal Volk war Vorsitzender der Arbeitsgruppe), und die Entscheidungen bei den internen Abstimmungen zu den schon genannten Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts. Manches hat den Kardinal ziemlich gequält. Dabei kamen auch die unterschiedlichen Temperamente an den Tag und wirkten sich sehr verschieden aus. So gab es bei aller herzlichen Freundschaft auch spannungsvolle Elemente zwischen Kardinal Volk und Kardinal Döpfner, gerade wenn es um solche Fragen ging.

III.

Dieser kurze Überblick zeigt, wie tief der Kardinal in der Auffassung seines bischöflichen Leitungsamtes von den eingangs genannten Voraussetzungen seiner Herkunft und seiner Persönlichkeit bestimmt war. Hinzu kam die Erfahrung der besonderen Verantwortung des Bischofs während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dies hat Bischof Volk von Anfang an nachhaltig geprägt.

Dies kommt schon eindrucksvoll zum Ausdruck in seinem ersten Hirtenbrief anlässlich seiner Bischofsweihe. Er betont, wie gerne er in Münster an der Universität Theologie lehrte, und dass er diese Aufgabe nur ungern aufgibt. Aber er kommt auch gerne nach Mainz zurück: „Hier ist meine Heimat, hier liegen meine Wurzeln; der verewigte Bischof Albert ist als Professor im Seminar noch mein Lehrer gewesen, und mit vielen Geistlichen des Bistum verbinden mich herzlich die Jahre des gemeinsamen Studiums. Danach war ich in Alzey, Mainz und Nidda 13 Jahre in der Seelsorge tätig, und gern erinnere ich mich an diese Zeit." Er hat die feste Überzeugung, dass die Kirche, gerade auch im Bischof, ein kräftiges Amt zur Orientierung und Leitung braucht. Aber er verbindet dies mit nicht weniger wichtigen Elementen. Auch der Bischof begreift sich vom gemeinsamen Christsein her, ohne das Amt daraus abzuleiten. Er verselbstständigt sein Amtsverständnis nicht. Er weiß um den Dienst, den er bringen soll. „Der Bischof ist daher seinen Gläubigen, die Gläubigen sind ihrem Bischof innerlich durch das Christsein selbst zugeordnet. Beide gehören zusammen wie Hirt und Herde... Die geistliche Gewalt dient nicht so sehr dem, dem sie zuteil geworden ist, als vielmehr denen, welchen das geistliche Amt als Dienst gilt, welche das geistliche Amt beanspruchen. Daher kann auch der Träger geistlicher Vollmacht damit nur anderen, nicht sich selbst helfen; er ist darin, worin er anderen dient, selbst auf die Dienste anderer angewiesen. Das geistliche Amt verselbstständigt also seine Träger nicht... Darum ist der Träger geistlichen Amtes kein Herr über andere." Immer wieder betont er: „Wie jeder Geistliche steht der Bischof, selbst ein Gläubiger, auch unter den Gläubigen. Mit diesen ist er in Glaube, Hoffnung und Liebe auf die gleiche Weise beansprucht, mit diesen steht er vor dem Angesicht des Herrn, seine Barmherzigkeit und Gnade erhoffend." Man kann die Kirche also nicht nur unter dem Bild der Herde und des Hirten beschreiben, sondern braucht ergänzend die Perspektive des Gottesvolkes: „Dieselbe Kirche ist auch das Volk Gottes, welches in allen Gliedern Christus in gleicher Weise als seinen Herrn hat." So werden die Amtsträger „durch den Glauben der Gläubigen auch selbst in ihrem Glauben gestärkt und ermuntert". Der Kardinal hat zeitlebens diese Einstellung bewahrt. Deshalb war ihm auch jeder Klerikalismus fern und zuwider. Von dem Vorrang der Botschaft selbst her glaubte er auch an die geschichtsüberlegene Macht des Glaubens: „Allein, im Unterschied zu den Ideen der Menschen, die sich meist verbrauchen, veraltet der Glaube nicht. Denn er stützt sich auf den ewigen Gott und seinen Gesalbten, Christus Jesus... Gott muss nicht anders werden, um nicht zu veralten. Gott bleibt derselbe und ist doch immer jünger als wir selbst... Darum ist der Glaube allen Zeiten gemäß... ‚das Wort unseres Herrn währt in Ewigkeit‘".

Wenn man nach den äußeren Schwerpunkten des Wirkens von Kardinal Volk fragt, dann muss man zuerst die Verwirklichung des Zweiten Vatikanischen Konzils nennen, vor allem die Reform der Liturgie und den Aufbau der verschiedenen Räte, durch die die Mitverantwortung der Laien gewährleistet wird. Wenn ich drei andere Akzente in dieser Amtszeit herausgreife, dann ist es der dritte „Deutsche Liturgische Kongress" im Jahre 1964 in Mainz mit seiner großen Ausstrahlung für die Erneuerung der Liturgie, das 1000-jährige Domjubiläum im Jahre 1975 und – gewissermaßen als Höhepunkt – der Besuch von Papst Johannes Paul II. im November 1980. Dabei muss ich vieles beiseite lassen, was durchaus Erwähnung finden sollte: Der weitere Ausbau katholischer Schulen, karitative Einrichtungen und nicht zuletzt der Gemeindeaufbau in den Diasporagebieten des Bistums, besonders notwendig durch den Zustrom vieler Heimatvertriebener in Oberhessen. Gab es 1945 221 Gemeinden, so stieg ihre Zahl bis auf ca. 350 Seelsorgestellen.

Wenigstens kurz genannt werden muss die Errichtung der Pfarrgemeinderäte. Die diözesanen Räte, z.B. der Pastoral- und Kirchensteuerrat, wurden zu wichtigen Gremien bei der Weitergabe des Glaubens. Für die Seelsorge entscheidend war auch der frühe Einsatz von Ständigen Diakonen, Gemeindereferent/-innen und Pastoralreferent/-innen. Das Bistum hat schon sehr früh die neuen pastoralen Berufe gefördert, was uns aus finanziellen Gründen dazu zwang, später mit Einstellungen vergleichsweise zurückhaltender zu werden.

Noch wichtiger aber ist der innere Schwerpunkt dieses mehr als zwanzigjährigen apostolischen Wirkens. Kardinal Volk hat die erste Aufgabe des Bischofs in vorbildlicher Weise wahrgenommen, nämlich Verkünder des Evangeliums Jesu Christi zu sein. Überall hin in das ganze Bistum hinein hat er das Wort Gottes getragen und den vielen einzelnen Menschen und dem ganzen Bistum Orientierungen aus dem Glauben für das Leben geschenkt. Es kam ihm immer darauf an, das christliche Leben geistlich zu vertiefen und zu intensivieren. Alle zentrifugalen Kräfte, alle partikulären Interessen und alle spezialisierten Dienste hat Bischof Volk immr wieder auf das Eine Notwendige hin versammelt. Er hat den Mut gehabt, die Kirche durch das wirkmächtige Wort Gottes, zu dem auch das Sakrament gehört, zu führen. „Zeugnis-Geben" wurde mit Recht zu einem Schlüsselwort in der Sprache und Verkündigung des Bischofs von Mainz. Kardinal Volk hat – nicht zuletzt im Blick auf die Erneuerung der Gestalt des Gottesdienstes und der Sakramente – die theologischen und spirituellen Grundlagen jeder Reform sichtbar gemacht und vertieft. Nicht zuletzt darin ist es begründet, wenn im Bistum Mainz keine so harten Extreme entstanden sind, wie etwa anderswo. Was er sagte, war immer auch von seiner eigenen gläubigen Erfahrung geprägt. Dies hat ihm eine besonders hohe Glaubwürdigkeit eingebracht.

Im Rückblick auf die Erfüllung dieser Aufgaben darf man heute im Zusammenhang des hundertsten Geburtstages erst recht sagen, dass Hermann Kardinal Volk eine besonders reine Gestalt des Bischofs in der Einheit seines spirituellen, theologischen und pastoralen Auftrags darstellt. Für das Maß, das er hiermit gesetzt hat, gebührt ihm – weit über unsere eigene Zeit hinaus – der Dank aller.

(c) Karl Kardinal Lehmann