Staunen vor dem Leben als bleibender ImperativI. Die Lebenswissenschaften lassen uns teilnehmen an den geradezu dramatischen Veränderungen des Embryos in seiner frühesten Zeit, an der Anlage aller lebenswichtigen Systeme und der bald einsetzenden Ausbildung der Organe. In einer immer wieder erstaunlichen Weise sind von Anfang an die späteren Entwicklungen eines Menschen genetisch angelegt. Es darf hier aber nicht auf einen bloßen Automatismus der Entwicklung geschlossen werden. Bei aller Eigenentwicklung, die auch durch die schon frühe Selbststeuerung des Embryos in der Entwicklung ihren Ausdruck findet, ist die Aufnahme in den Mutterschoß ein entscheidendes Ereignis, das für die Zukunft erst weiteres Leben ermöglicht. Diese Abhängigkeit von der Mutter darf aber nicht verdecken, dass der Embryo bereits ein individuelles menschliches Lebewesen ist, das ein eigenes Recht auf seine Existenz hat und darum auch Achtung vor ihm verlangt. Diese Ansicht ist umstritten, jedenfalls wenn man genauer nach dem Beginn und vor allem der Schutzwürdigkeit und -bedürftigkeit des menschlichen Lebens fragt. Es ist nicht so leicht zu entscheiden, ob dies schon von Anfang an, d.h. von der Verschmelzung von Eizelle und Samen, gegeben ist. Man kann die Antwort nicht ausschließlich von den so genannten „Fakten“ her ableiten. Sie bedürfen auf jeden Fall immer schon der Interpretation und unterliegen auch stets einer wenigstens impliziten Deutung. Es hätte aber auch wenig Sinn, über die feststellbaren Tatsachen hinaus und ohne Rücksicht auf sie zu ethischen oder religiösen Folgerungen zu kommen. Es bedarf ständig des Diskurses zwischen den Lebenswissenschaften und der anthropologisch-ethischen Reflexion, zu der schließlich auch die religiöse Sicht gehört. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Embryo von Anfang an Mensch ist. Ich habe an anderer Stelle diese Überzeugung auch im Rückgriff auf eine umfassende Literatur begründet, die hier nicht wiederholt zu werden braucht. Dabei gehe ich von der Überzeugung aus, dass das Kontinuums-, Identitäts- und Potenzialitätsargument zwar durchaus auf ernstzunehmende Einwände stößt, schließlich aber doch zu Gunsten der eben zum Ausdruck gebrachten These spricht, dass der Embryo von Anfang an Mensch ist. Diese Überzeugung wird aus sehr unterschiedlichen Motiven und mit recht verschiedenen Argumenten bestritten. Sie reichen von der Annahme einer abgestuften Entwicklung, die auch die Schutzbedürftigkeit des Embryo graduell bestimmt, bis zu dezidierten Überzeugungen, dass nur die Nidation aus dem menschlichen Lebewesen, dessen Existenz man nicht bestreitet, einen zukunftsfähigen Menschen macht. Erst recht überrascht dieses Argument, wenn man dem „Invitro“ gezeugten Embryo in dieser Situation, die für sich allein betrachtet wird, keine künftige Lebenschance zuspricht, sodass rückwirkend auch der Anspruch auf die Menschenwürde fraglich erscheint. Die Auseinandersetzung mit solchen Anschauungen ist von größter Bedeutung. Sie muss primär auf dem wissenschaftlichen Sektor im Sinne des oben erwähnten Diskurses stattfinden. Hier kann keine Seite der anderen einfach diktieren. Es ist jedoch auch kein Geheimnis, dass alle Positionen in diesem Bereich auch mitbestimmt sind von stark politisch orientierten Überzeugungen hinsichtlich der Zulassung mancher bioethischer Experimente, die wiederum mit einem bestimmten Forschungsinteresse und auch wirtschaftlichen Erwartungen zusammenhängen. Wie sehr hier grundlegende Differenzen die Meinung auf allen Ebenen bestimmen, zeigen exemplarisch die unterschiedlichen Ergebnisse z.B. der Enquête-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Deutschen Bundestages (14. Wahlperiode) und des Nationalen Ethikrates. II. Ich möchte in diesem Beitrag einen anderen Zugang zur Problematik versuchen, der bisher weniger erörtert wurde. Die Forschung offenbart ja in ungeahnter Weise das Wunder des Lebens. Daran muss jede Reflexion anknüpfen. Denn das Erstaunen vor diesem Wunder des Lebens muss differenziert werden. Es gibt ja verschiedene Zugangsweisen zur Wirklichkeit. Wir reden mit Recht von der Pluralität der Erkenntniswege. Dabei zeigt sich auch, dass die Wissenschaft nicht der einzige Zugang zur Wirklichkeit ist. Der Pluralismus der Zugänge bringt auch eine Relativierung von Überzeugungen und Wahrheiten mit sich. Dies ergibt eine ambivalente Mischung. „Wer viele ‚Wahrheiten‘ ausprobiert hat, wird bescheidener, tolerant, pluralistisch (...). Der Pluralismus ist allerdings auch eine problematische Herausforderung; in seinem Schatten nistet ein Relativismus, der nicht zu akzeptieren ist. Menschenwürde und Menschenrechte sind nicht relativierbar.“ Umso wichtiger ist es, die jeweiligen Zugangsweisen und Annäherungen in ihrer eigenen Ausrichtung, Form und Struktur zu akzeptieren. Dies dürfte eigentlich nicht so neu sein. Schon von der frühen Phänomenologie her wissen wir, wie sich der Erkenntnisakt auf sein „Objekt“ bezieht, und dass sich Noema und Noesis gegenseitig bedingen. Dies hat verschiedene Erkenntnisse an den Tag gebracht, die heute unersetzlich sind. So braucht man zur Annäherung an den Bereich des Göttlichen und eines Gottes das Heilige, in dem Gott wohnt. Ohne die Erfahrung des „fascinosum“ und des „tremendum“ im Sinne der neueren Phänomenologie der Religion gibt es auch kaum einen Zugang zu dem Gott, vor dem man die Knie beugt, und zu dem man betet. In diesem Zusammenhang scheint es mir eine echte Frage zu sein, wie wir uns dem Leben annähern und gerade zum anfänglichen Wesen des menschlichen Lebens einen authentischen Zugang gewinnen. Das ist nicht schlechthin die einzige Annäherung. Aber es darf auch nicht einfach übergangen oder ganz verdrängt werden. Diese Frageweise ist für das Verständnis des menschlichen Embryo von besonderer Bedeutung. Was klein und unscheinbar ist – am Anfang nur der Bruchteil eines Millimeters –, kann offenbar rasch dazu verleiten, den Embryo nur aus der Perspektive der menschlichen Absichten und Ziele zu verstehen. Die Kleinheit und Abhängigkeit vom menschlichen Tun und Unterlassen suggeriert in besonderer Weise die verführerische Haltung, auch über den Embryo zu verfügen. Es ist dann kein weiter Weg, verbrauchend – und damit vernichtend – über anderes menschliches Leben herrschen zu wollen, auch und gerade, wenn es so winzig ist. Es ist entscheidend, wie man der Wirklichkeit begegnet. Die Lebenswissenschaften haben uns in den letzten Jahrzehnten faszinierende Einblicke geschenkt in die Entwicklung eines menschlichen Embryos. Durch die Möglichkeiten einer hochentwickelten Technik können wir auf eine filmische Reise durch den menschlichen Körper mitgehen. Nicht zufällig heißt der Film-Titel z.B. des schwedischen Fotografen Lennart Nilsson „Faszination Liebe“ oder ähnlich ein Buch von Rainer Jonas „Der wunderbare Weg ins Leben“ . Dies gilt nicht nur für die gesamte Entwicklung von der Empfängnis bis zur Geburt, sondern besonders auch in den ersten Stunden und Tagen des menschlichen Embryos. Wir können erkennen, was für eine riskante Reise die mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Eizelle von der Befruchtung bis zur Einnistung überstehen muss. Es gibt unendlich viele Gefährdungen, aber gerade dadurch ist es auch ein Wunderwerk, wie sich das ungeborene Leben in den geglückten Fällen durchsetzt. Wie kann aus einer einzigen Eizelle ein solch differenziertes Lebewesen wie ein Mensch entstehen? Von Anfang an suchen plötzlich bestimmte Zellen zueinander den Kontakt, um sich zu verbinden, aber auch ihre je eigene Aufgabe zu übernehmen. Hier ist bereits unsere Sprache verräterisch. Wie gehen wir auf die Wirklichkeit zu, die sich uns erschließt, wenn wir diese wunderbare Welt des vorgeburtlichen Lebens als „Zellhaufen“ bezeichnen oder nur vom „Material“ und „Rohstoff Embryo“ sprechen? Kein Wunder, dass gelegentlich Forscher erklären, wenn man sie auf die Rechte und Würde eines Embryos anspricht, sie wüssten überhaupt nicht, wovon man rede. Oder gibt es langsam – auch durch bestimmte Einstellungen, Gewohnheiten und Routine – Verhaltensweisen, die dieses Abenteuer der Entstehung des menschlichen Lebens zurückdrängen oder gar vergessen lassen? Oder wie kommt man sonst zur Rede vom bloßen „Zellhaufen“? Hier muss man zurückkehren zum Staunen des Menschen vor dem Wunder des Lebens. Dies ist ein uraltes Thema, das neu Aufmerksamkeit verdient. Zu grundlegender philosophischer Bedeutung gelangt der Begriff des Staunens durch die von Platon und Aristoteles getroffene Aussage, das Staunen sei der Anfang der Philosophie schlechthin. Dabei gibt es schon zu Beginn der Reflexion darüber recht verschiedene Nuancen. Das Staunen wird nämlich einerseits als Ausdruck einer Unwissenheit verstanden. Es kann jedoch zunächst einmal durch die intellektuelle Neugierde den Erkenntnisprozess initiieren. Das Staunen hat also eine wirklich erschließende Kraft und hat dadurch auch eine rationale Komponente, die durchaus etwas mit Einsicht zu tun hat. Aber es ist kein Zweifel, dass durch diese Erkenntnis das Staunen auch aufgehoben wird. Dies scheint stärker die aristotelische Linie zu sein, während die platonische Tradition im Staunen nicht nur den Ursprung des Denkens, sondern letztlich auch das Ziel der Philosophie sieht, insofern die Schau der höchsten Idee mit Staunen verbunden ist. Das stoische Denken hat das Staunen eher aus dem Denken eliminieren wollen, denn es gilt als Ausdruck einer unkontrollierten Leidenschaft („pathos“), sodass die Freiheit vom Staunen als eigentliche Weisheit gilt. Die mit Blick auf die Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit des Weisen verlangte Staunenslosigkeit soll den Menschen, vor allem aber seine Seele, vor jeder Unfreiheit bewahren. Berühmt ist die Wendung des Dichters Horaz: „Nichts anstaunen: Nur dies im Grunde, dies allein kann Menschen glücklich machen und erhalten.“ Das Staunen ist so ein beeinträchtigender Affekt, der eher zu meiden ist. Es lässt sich jedoch nicht verkennen, dass dieses Verständnis des Staunens eine weithin wirksame Nachgeschichte hat. Aber dies ist nicht die einzige Komponente. Augustinus, der durchaus diese Tradition kennt, weiß auch um das Verwundern, das den Menschen angesichts der Größe und Macht z.B. des Gedächtnisses ergreift, und er weiß um die Bewunderung, mit der die Menschen die Natur betrachten. Das Staunen mündet in die Bewunderung der unergründlichen Weisheit Gottes, die dem bloßen Erkennen der Welt gegenübergestellt wird. In dieser Linie gehört das Staunen auch für die großen mittelalterlichen Lehrer zu den Haltungen, die der göttlichen Majestät und Herrlichkeit in sich selbst und in ihrem Wirken zugeordnet und angemessen sind. In diesem Sinne kann z.B. das Staunen eine Vorstufe des Glaubens sein. So entsteht das Staunen nicht allein aus der Unkenntnis über die Ursachen, sondern auch dann, wenn die Ursache über die Erkenntnis und das Fassungsvermögen des Menschen hinausgeht. Das Staunen wird so auch das Kennzeichen für etwas Neues, das entdeckt wird. Es ist jedoch leicht erkennbar, dass viele Stränge des neuzeitlichen Denkens dahin führen, die Bewunderung als „Tochter der Unwissenheit“ zu bezeichnen. Doch gilt das Staunen im Sinne der klassischen griechischen Tradition immer noch als Ursprung und Ziel des philosophischen Denkens. Auf die einzelnen Unterscheidungen zwischen Staunen, Bewunderung und Verwunderung braucht hier nicht ausführlicher eingegangen zu werden. Es ist nicht zu übersehen, dass das Denken im 20. Jahrhundert in mancher Hinsicht hier eine Änderung des Ranges des Staunens mit sich bringt. Für E. Husserl ist das Staunen noch weitgehend eine Vorstufe zur „Theoria eigentlicher Wissenschaft“ und eine „Abwandlung der Neugier“. M. Scheler unterscheidet die Verwunderung von Erschrecken und Verblüffen. Diese Verwunderung kann durch den gewohntesten Gegenstand hervorgerufen werden. M. Heidegger hat bereits in „Sein und Zeit“ das Staunen grundlegend von der Neugierde abgegrenzt. „Die Neugier hat nichts zu tun mit dem bewundernden Betrachten des Seienden, dem ‚thaumazein‘, ihr liegt nicht daran, durch Verwunderung in das Nichtverstehen gebracht zu werden, sondern sie besorgt ein Wissen, aber lediglich um gewusst zu haben.“ Nicht wenige Philosophen wie E. Bloch, E. Fink, J. Pieper und W. Weischedel sowie K. Jaspers haben die Deutung des Staunens für die Frage nach Ursprung und Wesen des Denkens kräftig hervorgehoben. Nach H. Arendt erfährt das „erschütterte Staunen angesichts des Wunders des Seins“, das zunächst sprachlos macht, eine Klärung durch das Denken, jedoch ist – nun gewiss in anderer Weise – Ende und Ziel des Philosophierens ein begrifflich und philosophisch geklärtes Staunen, das der wahren „Theoria“ entspricht. Für E. Lévinas ist schließlich die Sprache eine Möglichkeit, zuvor absolut Fremdes zu erfahren, in diesem Sinne „reine Erkenntnis“ oder, wie er formuliert, „Trauma des Staunens“. Denker, die sich eher an der klassischen Philosophie orientieren, haben in ihren Reflexionen stärker auf die bleibende Bedeutung des Staunens geachtet. Dies kann man z.B. besonders auch im Werk Josef Piepers erkennen. Es ist auch nicht zufällig, dass das Staunen dicht bei der Suche nach Wahrheit liegt, und sich Dichten und Denken im Staunen besonders nahe kommen. III. Je mehr die Wissenschaft die einzige Zugangsweise zur Welt zu werden scheint, um so mehr ist das Staunen als eigener und unableitbarer Zugang zur Wirklichkeit eine elementare Herausforderung. Dies wird bei fast allen Philosophen offenkundig, die ein „neues Denken“ versuchen. Dies wird z.B. anschaulich beim späten Wittgenstein, der immer stärker die Überzeugung vertritt, die moderne, besonders auch technisch-wissenschaftliche Lebensweise entfremde den Menschen immer mehr von sich selbst. Er erkenne nicht mehr die „Bedeutsamkeit“ der Dinge und verfehle ihre Tiefendimension. Darum ist der heutige Mensch in Wahrheit primitiv, „wenn er glaubt, die Erklärung der Wissenschaft könne das Staunen heben“. Im Gegenteil: „Zum Staunen muss der Mensch – und vielleicht Völker – aufwachen. Die Wissenschaft ist ein Mittel, um ihn wieder einzuschläfern.“ So kann es zur Aussage kommen: „Die Wissenschaft: Bereicherung und Verarmung. Die eine Methode drängt alle anderen beiseite. Mit dieser verglichen scheinen sie alle ärmlich, höchstens Vorstufen. Du musst zu den Quellen niedersteigen, um sie alle nebeneinander zu sehen, die vernachlässigten und die bevorzugten.“ Dies erinnert nicht nur an E. Husserls „Krisis“ und die Gedanken von H. Jonas´ späterem Denken, sondern auch an die Spätwerke von H. Arendt und M. Heidegger. Auch bei E. Bloch finden sich schon früh „Spuren“ dafür. Auch der späte Habermas ist nicht weit weg. Schließlich sei aus jüngster Zeit noch Ernst Tugendhat genannt, der sich lange Zeit mit klassischer und angelsächsischer Ethik und Sprachanalyse beschäftigt hat. Er beschließt sein Buch „Egozentriziät und Mystik“ mit einem Kapitel, dessen Titel lautet: Staunen. Er bezieht sich dabei ausführlich auf Wittgenstein. Dabei geht es vor allem um die Aussage, „wie erstaunlich, dass wir darüber staunen können, dass es etwas (oder: die Welt) gibt.“ Das Staunen hilft am meisten, die Egozentrizität des heutigen Menschen im Bezug zu anderen und angesichts der Welt zu relativieren. Dieses Zurücktreten vor dem „Ich“ bezeichnet Tugendhat auch als Mystik. Das Staunen gewinnt die Bejahung der Welt und die Dankbarkeit dafür, dass sie ist („das Wunder der Wunder“), zurück, wie es besonders beim Denken und Dichten geschieht. Der spätere Heidegger hat in einer Vorlesung „Grundfragen der Philosophie. Ausgewählte ‚Probleme‘ der ‚Logik‘“ durch das Staunen wohl von den Denkern des 20. Jahrhunderts die Frage am ausführlichsten behandelt. Das Gewöhnlichste wird aus dem Jahr 1937/38 im richtigen Verstehen dessen, was ist, zum Ungewöhnlichsten. Nun bleibt zu fragen: Gilt dies nicht ganz besonders für das unscheinbare und unauffällige Geheimnis des Lebens? Für Leben, das sich selbst bewegt? Für Leben, das in der Selbstverständlichkeit des Hervortretens aus seinem verborgenen Urgrund wirkt? Für Leben, das so winzig und ohnmächtig ist, dass wir es übersehen, es leicht unseren Zwecken unterordnen und so eher verstecken? Die heutigen Philosophen, die das Staunen bedenken, haben den Weg der Neuzeit bedacht und schon durchschritten. Sie stehen nicht abseits, sondern rufen neu zu einer gemeinsamen Mitte. Sie sind keine Neo-Romantiker. IV. Was bisher über das Staunen gesagt worden ist, trifft nach meiner Überzeugung in ganz besonderer Weise auf den Umgang mit dem Leben und besonders mit dem menschlichen Leben zu. Die neuen Ergebnisse der Forschung über das vorgeburtliche Leben, einschließlich der Möglichkeiten von Visualisierung und fotografischer Reproduktion, verstärken diese Einsicht. Die Faszination vor dem Wunder des Lebens ist nicht nur eine emotionale Angelegenheit oder eine erste Überraschung für den, der noch nichts oder nicht viel weiß. Man lässt das Staunen nicht einfach hinter sich, wenn man Erkenntnisfortschritte macht. Es muss den Forscher bei aller Eigengesetzlichkeit seines Vorgehens wenigstens indirekt begleiten und so gegenwärtig bleiben. Die Einsicht in das Wunderwerk der Natur stärkt die Rechte des Embryos, dem wir mit guten Gründen auch Personalität zuerkennen. Dies hat zur Konsequenz, dass uns alle Wege der Erkenntnis und der Forschung offen stehen, aber sie dürfen nicht zur bewussten Tötung eines Embryos führen. Die Würde des personalen Wesens des Menschen besteht gerade darin, dass er niemals in seiner ganzen Existenz für andere Ziele verzweckt und instrumentalisiert werden darf. Daran kann auch ein freilich oft noch wenig begründetes Heilungsversprechen gewiss sehr belastender Krankheiten für die Zukunft nichts ändern. Die Forschungsfreiheit muss von sich aus erkennen, dass ihr hier Grenzen gesetzt sind, die nicht willkürlich von außen gezogen werden. Im Übrigen müssen alternative Forschungswege, die nicht zu solchen Konflikten führen, viel grundlegender vom Staat und der Industrie gefördert werden. Dies gilt z.B. für die durchaus Erfolg versprechende Forschung an Stammzellen erwachsener Menschen. Diese Position ist keine katholische oder christliche Sonderlehre. Man kann sie gewiss auch nicht einfach von den immer interpretationsbedürftigen Ergebnissen empirischer Wissenschaften ableiten. Es gibt jedoch für die vorgetragene Position gerade durch neuere Einsichten viele gute stützende Argumente. Auch wer einer anderen Meinung zuneigt, sollte fair die Gründe für diesen Vertrauensvorschuss zugunsten des Lebensrechtes wenigstens als plausibel anerkennen. Das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1990, das damals einstimmig vom Bundestag verabschiedet worden ist, ist ein guter Beleg dafür, dass diese Überzeugungen durchaus verbindliche Werte repräsentieren, die für alle gültig sind. Deshalb dürfen wir sie nicht aushöhlen. Schon gar nicht durch letzen Endes enttäuschende und unhaltbare Kompromisse. Gegen Ende dieser Überlegungen soll eine Reflexion stehen, die nur angedeutet, aber hier nicht genügend ausgearbeitet werden kann. Die verschiedenen Konzeptionen über die Wertung des moralischen Status des Embryos entstammen wohl auch verschiedenen Denkweisen und Perspektiven menschlicher Erkenntnis. Dabei darf man es sich nicht zu einfach machen und alles nur auf die Differenz zwischen natur- und humanwissenschaftlichen Methoden und geisteswissenschaftlichen Zugängen zu einer Sache zurückführen. Es gibt zweifellos auch „Mentalitäten“, die sich im Umgang mit einer Wirklichkeit ausbilden. Der Embryologe kann sich bei seiner heutigen Spezialisierung im hohen Maß auf das ihm vorliegende biologische „Material“ beschränken. Die Arbeitsteilung und die Spezialisierung verlangen sogar eine solche Aszese. Eine solche habituell gewordene Umgangsweise und Sicht kann aber auch nicht unwichtige Dimensionen in der Erkenntnis einer Sache verdecken. Man weiß immer mehr von immer weniger. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist diese Forschung auch wiederum so faszinierend, weil sie tatsächlich zu immer mehr Entdeckungen vordringt. Den Human- und Naturwissenschaften wird nichts von ihrer Größe und ihren Erfolgen genommen, wenn man sie auf diese Grenzen hinweist. Ich habe fünf bis sechs eindrucksvolle, umfangreiche deutsche und internationale Handbücher der Embryologie und der Humangenetik gründlich angesehen, aus denen ich für das Thema viel gelernt habe. Ich habe auch aus vielen Gesprächen mit Naturwissenschaftlern gelernt. Ich kann dabei durchaus verstehen, dass kaum einer die Frage verfolgt, wer und was das ist, das er in seiner Forschung untersucht, bearbeitet und manipuliert. Aber kann man einfach davon absehen, dass es sich um frühestes, vollwertiges menschliches Leben handelt? Gibt es nicht eine merkwürdige Einstellung zu den „Objekten“, wenn man diese Frage ständig ausklammert? Es gab ja immer wieder auch heilsame Unterbrechungen solcher Umgangsweisen mit dem Menschen und der sterblichen Hülle, die er zurücklässt. Ich war sehr beeindruckt, dass mich in Freiburg an der Universität in der Wiederaufnahme eines alten Brauches die Professoren und die Studenten der Pathologie baten, ich möge jeweils Anfang November zu einer Feierstunde und zu einem Friedhofsgang für die Menschen kommen, mit denen sie sich konkret in der Pathologie beschäftigten. Neben dem Experiment und dem Sezieren ist die Pietät nicht verloren gegangen. Wäre dies nicht auch ein Hinweis auf andere Weisen des Umgangs mit dem Menschen in seinen verschiedenen Phasen? Ich komme nochmals auf die Sprache zurück, z.B. den „Zellhaufen“. Solche Rede ist – wie schon gesagt – sehr verräterisch. So begrüße ich es sehr, dass dieses Wort „Zellhaufen“ von den Sprachwissenschaftlern an dritter Stelle zum „Unwort“ des Jahres 2002 ausgerufen worden ist. Die Sprachforscher werten den Begriff Zellhaufen als „sprachliche Verdinglichung von menschlichem Leben“. Biotechniker würden damit versuchen, die ethischen Vorbehalte gegen Manipulationen an Embryonen oder gar deren Tötung zu unterlaufen. An einem Beispiel soll am Ende gezeigt werden, was dies heißen könnte. Als ich – wie berichtet – die Hand- und Lehrbücher der Embryologie und Humangenetik studierte, fiel mir auf, wie wenig selbstverständlich es ist, dass ein Embryo gezeugt wird und ein Menschenkind auch wirklich das Licht der Welt erblickt. Besonders in dem aufschlussreichen, höchst lehrreichen Buch von H. Zankl „Von der Keimzelle zum Individuum“ , das in jedem Kapitel sehr sorgfältig die unzähligen Möglichkeiten von Störungen und Fehlbildungen hervorhebt, kann man lernen, was für eine fast unglaubliche Fügung es ist, dass ein ursprünglicher Keim, kaum größer als ein Punkt am Satzende, zu einem so faszinierenden Menschen heranwächst. Neueste Forschungen scheinen dies noch mehr zu bestätigen. So ist die Einnistung ein kritischer Vorgang, an dem jede zweite frühe Schwangerschaft scheitert, noch bevor sie von der Frau bemerkt wird. Ich bin erschrocken, wie selbstverständlich wir dies alles betrachten. Der Humangenetiker darf wohl auch in den Augen der Wissenschaft darüber gar nicht sprechen. Er wäre unwissenschaftlich. Aber ist er menschlich, wenn er dies routinemäßig auf Dauer ausklammert und verschweigt, vor welchem Wunder des Lebens er immer wieder steht? Die Griechen sahen den Anfang des Denkens im Staunen. Ist es der Wissenschaft verboten, mitten in ihren objektivistischen Entdeckungen, auch einmal zu staunen? Oder hat Martin Heidegger vielleicht doch Recht mit dem provozierenden, viel zu wenig beachteten Satz: Die Wissenschaft denkt nicht. Warum nicht? Die verschiedenen Denkweisen und Zugänge müssen sich in ihrer recht unterschiedlichen Gestalt tolerieren und in gewisser Weise auch annehmen. Die einzelnen Perspektiven ergänzen und korrigieren sich. Sie machen hinsichtlich der Forschung, der philosophischen Reflexion, der Ästhetik, der religiösen Sicht und des rechtlichen Schutzes des Embryos das Ensemble jenes Diskurses aus, von dem am Anfang dieses Beitrags die Rede war. Dabei darf auch die Nähe von Denken und Dichten nicht vergessen werden. Im Blick auf unser Thema habe ich immer wieder den Psalm 139 angeführt. Es gibt aber auch jüngere Texte, die uns nachdenklich machen können. Sie sehen das Staunen nicht vor der Wissenschaft noch an deren Ende. Es steht einfach als mindestens gleichwertige Möglichkeit neben jenem Sich-Wundern, das den Anfang des Warum-Fragens, der weiterführenden Neugierde und der klärenden Wissenschaft ausmacht. Als Beispiel möchte ich ein Gedicht von Franz Werfel aus dem Jahre 1943 anführen: Ich staune Ich staune, dass die rote Farbe rot ist, Ich staune, dass die gelbe gelb erglimmt. Ich staune, dass, was ringsum lebt, nicht tot ist, Und dass, was tot ist, nicht ins Leben stimmt. Ich staune, dass der Tag alltäglich nachtet, Wenn ihm das Licht verwest zur Dämmerung. Ich staune, dass frühmorgens überfrachtet Von Sonnenglück, ein neuer kommt in Schwung. Ich staune, dass durch alle Lebenssprossen Das Männ- und Weibliche geschieden bleibt. Und diese Zweiheit, niemals ausgenossen, Als Wonne unsre Herzensfluten treibt. Mein Staunen ist kein Forschen nach dem Sinne. Mein Staunen ist des Sinnes selbst der Sinn. Nur durch Erstaunung werd ich meiner inne. Ich staune, dass ich staune, dass ich bin. Zu diesem fundamentalen Staunen gehört auch die Entdeckung, dass die Wirklichkeit, so wie sie uns erscheint, auch gut ist „‘Ich staune‘, heißt dann auch: Ich finde es gut, ja preiswürdig, dass es so ist“. Das Staunen führt bis zu dieser Bejahung des Seins, die auf der einen Seite ein ontologisches Grunddatum ist und auf der anderen Seite auch der Schöpfungserzählung der Bibel entspricht, wenn es dort heißt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (Gen 1,31a) Von hier aus führt eine Brücke vom Staunen zur Ehrfurcht vor dem Leben, die sich wie zwei Schwestern aus derselben Familie gegenseitig rufen und sich ergänzen. (c) Karl Kardinal Lehmann Im Originaltext sind eine Reihe von Fußnoten enthalten |