Von der Schwierigkeit des Menschen, glücklich zu sein
Vortrag beim Kuratorium Lotto Rheinland-Pfalz am 27. Oktober 2003 in Koblenz
Ein junger Mann - so war vor einiger Zeit in unseren Zeitungen zu lesen - kommt auf einen Platz inmitten einer europäischen Hauptstadt, er bringt einen Kanister Benzin mit, übergießt sich damit und verbrennt sich. Man findet einen Zettel bei ihm, auf dem steht, er habe keine Lust mehr. Es sei doch alles sinnlos. Solches wiederholt sich jeden Tag, vielleicht in unauffälligeren Formen. So verlässt einer unsere tägliche Lebenswelt und verschafft sich durch Drogen eine kurze Zeit der Sensationen, bevor sein Leben endet. Er gibt auf, er will aber auch nicht mehr weiter mitmachen, was alle machen, keinen Augenblick mehr das sinnlose Dahinleben, wenn nicht einer ihm auf die Frage antworten kann: Wozu?
Mit solchen Ereignissen wird auch die bohrende Frage öfter gestellt: Wozu? Wie kann ich leben, ohne ein sinnvolles und also sinngebendes Warum und Wozu? Von Glück zu reden ist lange Zeit verpönt gewesen. Nur die Spießbürger sprachen davon, wie man meinte. Schon seit einiger Zeit hat man dieses uralte Wort wieder ausgegraben und sinnt ihm von neuem nach. Auch wir wollen uns auf einen solchen Denkversuch einlassen. Dabei beleuchten wir die heute viel gestellte Sinnfrage von der Suche des Menschen nach Glück her; zugleich erhellen und konkretisieren wir das Streben nach Glück von der menschlichen Not her, eine Erfüllung des Lebens zu finden. Beide ergänzen sich wechselweise, woraus sich der Aufbau dieses Vortrags ergibt.
Es ist zweifellos besonders angezeigt, im Zusammenhang des Lotto unserer Frage nachzugehen. Denn beim Lotto kommt beides zusammen: Die Suche nach Glück und das Spiel, es auch zu finden. Nicht zufällig nennen wir dies „Glücksspiel". Aber was steckt hinter der Suche nach dem Glück?
In der Presse dieser Tage wird von einer Forsa-Umfrage berichtet über das Glücklichsein der Deutschen. Danach bezeichnet sich eine große Mehrheit der Deutschen als ausgesprochen glücklich. 62 % behaupten dies im Blick auf ihre jetzige Situation. 16 % halten sich sogar für sehr glücklich. „Überhaupt nicht glücklich" waren 4 %. Insgesamt bezeichnen sich etwas mehr West- als Ostdeutsche als glücklich. Auf die Frage, was glücklich macht, antworteten mehr als 90 % Familie und Partner. Kurz dahinter rangieren Freunde und Gesundheit. Für nur 61 % sind die eigene wirtschaftliche Lage und der Beruf ausschlaggebend für ihr Glück. Geld ist für 58 % entscheidend.
I. Die Suche nach Glück und die Melancholie der Erfüllung
Wenn wir von „Glück" sprechen, dann zeigt schon unser Sprachgebrauch eine doppelte Bedeutung an. Einmal sagen wir „Ich habe diesmal gewaltig Glück gehabt!" und meinen einen ganz ungewöhnlichen Zufall, dass wir z.B. ein Preisausschreiben oder im Lotto gewonnen haben oder mit knapper Mühe einer Unfallkatastrophe entgingen. Solches Glück „hat" man oder man hat es nicht, äußerstenfalls hat man ,,Pech" gehabt. Wer jedoch nicht in der Lotterie gewonnen hat, braucht deshalb nicht im strengen Sinn unglücklich zu sein. Damit kommen wir auf die zweite Bedeutungsnuance, wenn wir sagen „Ich bin glücklich". Dies bedeutet eine Verfassung des menschlichen Daseins, darin das Verhältnis zu uns selbst, zur Mit- und Umwelt in einem erfüllten Gleichgewicht steht. Der Mensch findet sich dadurch bejaht, bestätigt und getragen. Freude, Heiterkeit und ein Lied können Ausdruck solchen Glücks sein.
Zwei Elemente spielen in diesem Glücklichsein eine wichtige Rolle: Wahres Glück ist etwas, das wir nicht schlechthin machen oder herstellen können. Es ist in seinem Eintreffen und in seinem Ursprung unserer Verfügungsgewalt entzogen. Man könnte dies die Okkasionalität, aber auch den Spielcharakter des Glücks nennen. Dieser kann verschieden gedeutet werden, sodass die Menschen sagen: Das Glück sei launisch, es narre, das Glück sei einem hold, einer hat mehr Glück als Verstand. Nun gibt es aber darin zugleich eine andere Bedeutungskomponente, die uns davor warnt, das Glück nur als ein rein „von außen" auf uns zukommendes Ereignis zu verstehen. Wir sagen ja auch, dass jeder seines Glückes Schmied ist, dass man sein Glück probieren muss und dass jemand sein Glück machen kann. Man kann sein Glück auch verscherzen, d.h. einen möglichen Erfolg leichtsinnig preisgeben. Man darf sich nicht nur ,,auf gut Glück", d.h. blindlings, auf eine günstige Fügung oder einen Erfolg verlassen. Wir können also etwas dazu tun oder etwas lassen, um glücklich zu sein. Beide Elemente, die Unverfügbarkeit und das Beteiligtsein, machen in ihrem undurchschaubaren Zusammenspiel das Rätsel des Glücks aus.
Wenn der Theologe von diesem Glück spricht, denkt er mit Notwendigkeit an das, was die klassischen Traditionen Glückseligkeit und Seligkeit nennen. Wir sind dann meist allzu rasch über das „kleine" Glück des Menschen hinaus und meinen ausschließlich das Heil des Menschen und der Welt, die totale Versöhnung, den ewigen Frieden. Glück hat sicher etwas mit der Hoffnung zu tun, es möge einmal wirklich alles gut sein. Aber darf man sich so auf diese letzte Glückseligkeit konzentrieren, dass man das so genannte „kleine" Glück des Menschen dabei heruntersetzt? Die Menschen verbinden heute viele Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche mit dem Wort Glück. Man redet davon nicht erst dann, wenn tatsächlich alles gut sein wird und uns kein Kummer und keine Not mehr bedrängen. Der Mensch ist schon weithin zufrieden, wenn er kleine Oasen des Glücks findet. Er sucht nicht unmittelbar eine total heile Welt. Er sucht etwas Bescheideneres, aber etwas, das ihn hier und jetzt erfüllt, etwas, das ihm sagt, dass es einen Sinn hat, da zu sein, dass es schön ist und gut zu leben. Der eine setzt dafür auf den Erwerb, den Besitz und den Verzehr materieller Güter, ein anderer mehr auf den geistigen Genuss von Werken der Kunst und der Literatur oder auf das Zusammensein mit Menschen, die er liebt. Gewiss hat hier auch ein Gewinn bei einem Glücksspiel einen guten Sinn. Sicher kann man das, was wir derart finden im Atmen, Gehen und Sehen, auch im Essen und im Trinken, in der Liebe, in der Arbeit und im Spiel – alles dies kann man als ein „kleines" Glück bezeichnen, wenn man es misst an einem vorausgesetzten Heilsverlangen. In Wahrheit aber ist dieses so genannte kleine Glück doch wohl das einzig für uns mögliche, und es ist für den, der es als Glück empfängt, alles andere als klein. Es steht niemandem zu, dieses Glück der Menschen in seinen vielen Formen schon der heilige Augustinus spricht von 288 Meinungen über das Wesen des Glücks im Altertum herabzuwürdigen und madig zu machen. Verfolgen wir lieber den inneren Verlauf menschlichen Glücksstrebens.
Viele Philosophien sind sich darin einig, dass der Mensch in all seinem Tun nach dem Glück sucht. „Von Natur aus und mit Notwendigkeit will der Mensch Seligkeit, und er flieht das Elend" (Thomas von Aquin, S.Th. I/II, qu. 1, a. 94, ad 1. ). Es gehört nun aber zum Wesen des Glücks, dass es über das schon Erreichte hinausstrebt. Solange wir z.B. noch kein Auto haben, sind wir der festen Überzeugung, dass volle Befriedigung dieses Wunsches unser Glück zu sichern vermöchte. Solange wir unter einem bestimmten Mangel leiden, sind wir oft selbst davon überzeugt, dass, wenn nur dieses oder jenes Bedürfnis befriedigt sei, wir vollends zufrieden und glücklich seien. Allerdings gewöhnt sich jedes höher erreichte Niveau ein, es wird zur „Selbstverständlichkeit", es sinkt fast auf einen Nullwert ab, von dem aus neue Bedürfnisse entstehen. So kann Thomas Hobbes den Glücksbegriff definieren als möglichst wenig gehindertes Aufsteigen zu immer weiteren Zielen (,,ad fines semper ulteriores minime impedita progressio"). Auch die Erfahrung lehrt, dass die Befriedigung eines Bedürfnisses nach Glück letztlich in sich unerfüllt bleibt. Sobald ein Wunsch routinemäßig und sicher erfüllt wird, verheißt er nicht mehr das Glück, das er einmal beim Namen rief. Jede auf Dauer gestellte Beglückung erleidet einen offensichtlich unaufhaltsamen Verfall. Dabei bleibt es jedoch nicht. Die erfahrene Befriedigung schafft nämlich immer neue Bedürfnisse. Dadurch sinkt jedoch der Erfüllungswert. Wir wehren uns gegen diese Erfahrung und wollen das Glück durch Wiederholungen erreichen, doch führt dies nicht selten über die Selbstverständlichkeit und die Gewohnheit zur „Frustration" oder gar zum Ekel. Oft ist nur der Erwerb, nicht aber der Besitz des Neuen glücksbetont. Dies beweisen Sammlerleidenschaften ebenso wie die inneren Höhen und Abstürze des menschlichen Eros.
Wer kennt nicht die heimliche Trauer in jedem Glück? Wirkliche Erfüllung gelingt nur im Nu des Augenblicks. Wir wehren uns gegen die nur flüchtige Gegenwart des Glücks und wollen es festhalten. Aber man kann Seligkeit nicht fixieren. Die Wiederholbarkeit des Glücks ist nicht unbegrenzt. Das selbst bestellte und auf Kommando abrufbare, wiederholte Glück ist nicht gegen aufkommenden Überdruss gefeit. Das Glück ist um so weniger gut, d.h. auf die Dauer beglückend, je eigenmächtiger es von uns festgehalten wird. Wer sich an sein Glück klammert, verliert es nur um so rascher. Die Märchen wissen darum.
Wir betrachten Glück heute zunehmend nicht als etwas, was uns geschenkt wird, sondern in der Regel als etwas, das es zu erjagen gilt. Glück kann man sich scheinbar verschaffen, man kann darum kämpfen. Bei dieser Glückserfüllung durch eigene Hand kommt es, wie es scheint, noch viel rascher zur Enttäuschung. Wenn man nämlich das selbst gebastelte Glück erreicht, erweist es sich oft als schal. Langeweile ist eine seiner Folgen. Mit dem steigenden Glücksangebot wird zugleich die Erwartung mitverkauft, dass sich dieses Glück in zunehmendem Maße auch wieder auflöst und verfällt. „Etwas wie eine Katerstimmung des Angebotsüberflusses macht sich breit"(A. Gehlen, in: Was ist Glück?, hrsg. von U. Hommes, München 1976, 30). Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass wir uns beim Glücksstreben vor allem im materiellen Bereich - den Mustern und Zwängen ausliefern, die in diesem herrschen. Handgreiflich zeigt sich die Gefahr, dass wir eben jene Freiheit verlieren, derer es im Umgang mit solchen Dingen bedarf. Und so erzeugt manches Glück zugleich in uns selbst eine Art innerer Abwehr, welche Freiheit verteidigt.
Der Mensch reagiert auch heute sehr verschieden auf diese Möglichkeit des Glücks. Es gibt das Evangelium vollkommener Hemmungslosigkeit, es gibt aber auch eine nicht unbedenkliche misanthrope Verachtung menschlicher Glücksmöglichkeiten. Sie entstammen einem vielschichtigen „Realismus", darin sich Wahres fast untrennlich mit Falschem vermischt. Sigmund Freud schreibt in seiner aus dem Jahre 1930 stammenden Schrift „Das Unbehagen in der Kultur" über das stetige Glücksstreben des Menschen: „Dieses Programm ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten"(Studienausgabe IX, Frankfurt 1969, 623). Eine Glücksbilanz fällt meist negativ aus und endet mit der Empfehlung: „Das integrale Heilsverlangen (oder Glücksverlangen) lassen wir besser weg. Begnügen wir uns damit, Unheil zu verhüten oder wenigstens abzumildern, wo immer und so weit dies möglich ist." Darin steckt einige Weisheit, weil wir uns oft mehr darin einig sind, konkretes Unheil zu verhindern, als darüber, was uns wirklich glücklich machen könnte. Aber die Antwort trägt nicht. Der Mensch verlangt nach Glück, ja noch mehr: Alle Lust will Ewigkeit, sagt Friedrich Nietzsche. Aber jede Lust, die jemand ewig zu ertragen hätte, würde bald aufhören, Lust zu sein. Manches erträumte Paradies verlöre würde es als Realität erfahren schnell allen Reiz. Es gibt für den ruhelosen Antrieb des Menschen nach einem Glück, das von der Wirklichkeit nicht bestätigt, vielmehr eher desavouiert wird, zwei Möglichkeiten: Die Utopien errichten aus der Not der Zeit künftig zu realisierende Möglichkeiten. Der Überdruss an der Gegenwart kann aber auch eine eher abstoßende Kraft entfalten, sodass sich die Glücksfantasie nach rückwärts wendet und zur Nostalgie wird: Rückzugsbewegung und Heimweh nach einer früheren Welt.
Ohne dass wir diesen Lösungsmöglichkeiten weiter nachgehen wollen, dürfte doch feststehen, dass auch sie die Frage nicht beantworten, was geschieht, wenn die Utopie realisiert wäre. Alles kommt darauf an, dem Menschen seine unersättliche Suche nach Glück und Glücklichsein nicht zu nehmen. Glückseligkeit ist nur dann wirklich erreicht, wenn sie den Menschen nicht mehr genommen werden kann. „Noch an der Banalität des Happy End - so formuliert der Philosoph Wilhelm Kamlah - wird das deutlich. Wenn der Film oder der Roman zu Ende ist, soll der Augenblick festgehalten werden, denn die Rückkehr in die Nüchternheit hat jetzt den Charakter der ‚grausamen Ernüchterung‘. Es ist die grausamste Erfahrung in der Profanität, dass die erfüllte Seligkeit in ihrem Jetzt nun doch nicht ‚stehen‘, nicht dauern kann, dass es auf die Dauer Seligkeit nicht gibt" (Philosophische Anthropologie, Mannheim 1972, 188). Wir können uns in der Tat keine inhaltliche Befriedigung diesseitiger Art vorstellen. Der Glaube, eine geschichtliche Glücksrealisierung könne an die Stelle einer absoluten Verheißung treten, erweist sich angesichts dieser Erfahrungen als übereilt. Der Überschuss der Sehnsucht geht im Vorfindlichen nicht auf. Nicht wenige politische Versuche, ein Paradies in irdischen Bildern auszumalen und zugleich deren irdische Befriedigungsmöglichkeit anzunehmen, stranden an der nicht übersteigbaren Erfahrung, dass ein erreichtes Paradies von selbst aufhörte, eines zu sein.
II. Gründe für ein Wiedererwachen der Sinnfrage
Der heutige Mensch ist wieder sensibel geworden für die Unermesslichkeit menschlichen Sehnens und Fragens. Während man eine Zeit lang an die Entwicklung zu einem endgültig religionslosen Zeitalter dachte, wurde die Suche nach einem haltgebenden Sinngrund stärker. Von den Themen Revolution, Systemveränderung und Emanzipation vollzog sich ein in kurzer Zeit erfolgter Wandel zu ganz anderen Fragen wie Subjektivität, Innerlichkeit, Meditation und Kommunikation. Man spricht geradezu von einem religiösen Aufbruch und meint den Willen des Menschen zu einem Grund, der mehr ist als die Summe seiner Planungen und Erwartungen. Aufbruch des religiösen Geistes bedeutet Mut zur Besinnung und zum Schweigen, Vertrauen auf einen gegenwärtigen Sinn und auf ein Ganzes, das mehr ist als die Rekonstruktion unserer Erfahrungen und das Ergebnis immer wieder einbrechender Enttäuschungen. Dieser Aufbruch der Sinnfrage signalisiert das Bewusstwerden des Menschen, dass er mehr ist als das Ensemble ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Faktoren.
Fragt man nach den Gründen dieses Wandels, dann wird man ein fundamentales Motiv von allgemeiner Gültigkeit an den Anfang stellen. Diese Zeugnisse für das Wiedererwachen der Sinnfrage sind zunächst ein Beweis für die uralte Überzeugung, dass der Mensch die letzte Erfüllung seines Lebens nicht im Bereich des Endlichen und empirisch Erfahrbaren findet. In diesem Aufbruch bekunden sich die unstillbare Sehnsucht und die letzte Erfüllung der Unruhe des menschlichen Herzens in einer Wirklichkeit, die der Macht des Menschen entzogen ist. Aber diese Grundbestimmung des Menschen wird nie realisiert ohne konkrete geschichtliche Motive, die unserer gegenwärtigen Situation entspringen. Ich möchte nur zur Erhellung dieses allgemeinen Hintergrundes im Blick auf den Aufbruch der Sinnfrage folgende vier Elemente nennen:
1. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein:
Auch inmitten äußeren Wohlstandes erfuhr und erfährt der Mensch eine innere Sinnleere und Unerfülltheit. Die Sehnsucht des Menschen erschöpft sich nicht in der Steigerung seiner technischen Errungenschaften, des Konsums, der Leistung allein und des so genannten Lustgewinns. Ähnliches gilt auch für die Erfolge der Wissenschaft. Wenn die wissenschaftlichen Probleme gelöst sind, fangen die Lebensfragen erst an. Überlässt man die Entwicklung unserer Welt allein den Gesetzlichkeiten des Marktes, der Interessenausgleiche und der politischen Konfliktlösung, so kann Menschlichkeit als Erfüllung und „Sinn" fast aussterben. Es ist nicht zufällig, dass in einer solchen Gesellschaft immer wieder der Verdacht auf Sinnlosigkeit, Wut als Destruktionskraft und Anarchie als Ausdruck einer ohnedies ungeordneten Welt entstehen.
2. Perfekte Mittel, aber verworrene Ziele:
Die 60er Jahre haben die gigantischen Möglichkeiten der modernen Technik durch die Mondlandung auf einen Höhepunkt gebracht. Die nächstliegenden Probleme auf unserem Planeten erscheinen jedoch als kaum lösbar: Beseitigung der Armut und des Hungers; Friedenssicherung in Konfliktzonen; bessere soziale Gerechtigkeit; Eindämmung der Rüstungspolitik; Zerstörung der natürlichen Umwelt; Überwindung unheilbarer Krankheiten; Arbeitslosigkeit; Folgen der Generationenkonflikte, der Rassenunterschiede, konfessionell-religiöser Unterschiede oder politischer Anschauungen. Die Technik hat viele Mittel bereitgestellt. Aber es ist nicht mehr technisch zu steuern, wie die Errungenschaften der modernen Zivilisation der Selbstzerstörung oder einem sinnvolleren menschlichen Zusammenleben dienen können.
3. Entlarvung moderner Heilslehren:
Zur Desillusionierung der gegenwärtigen Weltdeutung trugen auch Entlarvung und Entzauberung neuer Ideologien bei. Hier wäre zunächst vom Szientismus zu reden, der die Wissenschaft zur obersten und uneingeschränkten Leitungsinstanz aller menschlichen Fragen und Nöte einsetzen wollte und glaubte, auf eine Ethik weitgehend verzichten zu können. Hinzu kommt die Entmythisierung der „irdischen Paradiese" in der angeblich klassenlosen Gesellschaft. Die Glückseligkeit, die im Vergessen und im Rausch der Drogen verheißen wurde, hat sich als gähnende und manchmal tödliche Leere entpuppt. Viele Versuche sexueller „Emanzipation" brachten neue Abhängigkeiten und vermehrten - zumeist unsichtbar - das Leid.
4. Grenzen des Wachstums:
Die „Stunde der Wahrheit" rief auch noch von einer ganz anderen Seite her zur Besinnung. Der Mensch hat durch rücksichtslosen Abbau von Rohstoffen sich einer Verschwendungswirtschaft angenähert. Es dämmert die Erkenntnis, dass die Ressourcen knapp sind, und der Mensch zusehends mehr den Mangel als seinen Reichtum verwalten muss. Der Schock bezieht sich dabei nicht nur auf die erreichten Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums in unseren Ländern, sondern auf die geringen Chancen für eine baldige Entwicklung der Länder der Dritten Welt und auf die eingeschränkten Möglichkeiten für den Wohlstand unserer Nachfahren. Woher aber soll der Zwang zur Umorientierung, die Horizonterweiterung, die Änderung unserer Wertmaßstäbe und das notwendige Umdenken kommen?
Dies scheint mir das geistige Klima zu sein, in dem der Aufbruch der Sinnfrage zu finden und in gewisser Weise auch schon zu deuten ist. Noch viele andere grundlegende Probleme der modernen Gesellschaft, die nicht oder nur indirekt in den besprochenen vier Dimensionen enthalten sind, könnten genannt werden: Die Vorherrschaft einer einseitigen Rationalität; die Übermacht von Sachgesetzlichkeiten und Bürokratie; Reduktion und Entpersönlichung des Menschen; Verzicht auf seine „Seele"; Instrumentalisierung der Lebensvorgänge; Auflösung gemeinschaftlicher Bindungen; Mangel an Vertrauen. Ein Teil der Phänomene und Zeichen in diesem Aufbruch der Sinnfrage und des religiösen Geistes wurde bereits genannt, so z.B. das erwachte Interesse für Meditation und Spiritualität. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien einige weitere Beispiele genannt: Neues Interesse für die Gestalt Jesu Christi, weit über die inzwischen eher wieder verklingende Jesus-People-Bewegung hinaus. Es seien nur einige Kurzformeln erwähnt: „Schalt um auf Jesus! Er liebt dich. Jesus gibt deinem Leben einen Sinn". „Jesus schenkt Befreiung von Angst, Einsamkeit und Sinnleere." Die charismatischen Gruppen in den christlichen Kirchen sind ebenso zu nennen wie die Faszination von Taizé für viele Jugendliche. Dass dabei dieser manchmal nur ungenau beobachtete Aufbruch der Sinnfrage und des religiösen Geistes nicht von selbst in die Kirchen als die institutionellen Bewahrer und Hüter der Religiosität zurückführt, zeigen die neuen Jugendreligionen, die Erneuerung fernöstlicher Religionen und Meditationstechniken sowie das gesteigerte Interesse für alle Vorgänge im parapsychologischen Bereich: Hellsehen, Telepathie, Spuk, außersinnliche Wahrnehmung, Okkultismus, Astrologie und mannigfache Formen des Aberglaubens. Szientismus und Spiritismus gehen dabei eine nicht selten überraschende Ehe ein. Aber es dürfen auch ungeheuerliche Phänomene wie Satanskult und Mordrituale nicht vergessen werden.
Die Sinnfrage ist darum wohl verdrängt worden, weil es immer schwerer wurde, das Ganze des menschlichen Daseins überhaupt noch wahrnehmen zu können. Darum kam auch die Religion selbst in den Strudel der Sinnkrise. Dies hängt wohl entscheidend damit zusammen, dass die Grundfunktion der Religion in der modernen Gesellschaft immer schwerer zu erfüllen ist, nämlich eine alle Lebensbereiche umfassende und überschreitende Orientierung für das ganze Leben sowohl des Einzelnen als auch der menschlichen Gemeinschaft zu geben. Die Funktionalisierung, die Segmentierung, die Spezialisierung und die Auflösung gemeinsamer Grundüberzeugungen in der modernen Welt nagen zusammen mit dem Phänomen der Säkularisierung an den Wurzeln der Bedeutung von Religion überhaupt. „Die Heimatlosigkeit des modernen sozialen Lebens hat ihren verheerenden Ausdruck im Bereich der Religion gefunden. Die durch die Pluralisierung des Alltagslebens und des ganzen Lebensablaufes in der modernen Gesellschaft hervorgerufene kognitive und normative allgemeine Unsicherheit hat die Religion in eine ernste Glaubwürdigkeitskrise gebracht. Die uralte Funktion der Religion inmitten all der Schwierigkeiten des menschlichen Lebens eine letzte Sicherheit zu gewährleisten ist zutiefst erschüttert worden. Wegen der religiösen Krise in der modernen Gesellschaft ist die soziale ‚Heimatlosigkeit‘ metaphysisch geworden sie ist zur Heimatlosigkeit im Kosmos geworden. Das ist sehr schwer zu ertragen."
(P.L. Berger, B. Berger, H. Kellner, Das Unbehagen in der Modernität, Frankfurt 1975, 159).
Anderseits kommt jede Gesellschaft in eine sie selbst tief bedrängende Krise, wenn sie auf ein Minimum an gemeinsamer Sinnorientierung verzichten zu können glaubt und „Sinn" nur in den widerspruchvollen Brechungen und Spiegelungen der pluralistischen Interessen und ethischen Überzeugungen finden möchte. Die Debatte über die „Grundwerte" im deutschsprachigen Raum ist Symptom dieser Krise.
III. Die Not des Glücklichwerdens
Die Suche nach Sinn will Erfüllung finden. Die Hoffnung auf das Glück möchte eines Tages eingelöst werden. Aber wie kann das geschehen? Wer garantiert Glück? Wir müssen wieder auf unsere anfängliche Unterscheidung zwischen „Glück haben" und „glücklich sein" zurück kommen. Alle Güter, die dem Menschen mehr oder weniger durch Lebensschicksal und Lebensumstände zufallen, sind bei näherem Hinsehen eine zweischneidige Sache. Man entdeckt diese jedoch nur, wenn man sie im Blick auf ihre möglichen Folgen für das Ganze des Lebens betrachtet und nicht isoliert: Durch strotzende Gesundheit kann sich jemand in Aktionen verstricken, die böse enden; durch sein Wissen kann er in Abhängigkeit geraten; durch seine Schönheit in schlechte Hände; durch Reichtum in äußere Bedrohung oder auch manchmal in innere Verkommenheit.
Diese Erfahrung warnt uns vor der Vorstellung, man wäre dann ganz glücklich, wenn man bestimmte Lebensinhalte besitzt. Ist es wirklich so selbstverständlich, dass ich mein Glück in diesem oder jenem Lebensinhalt zu finden hoffe? Ist er an sich selbst so beschaffen, dass ich mein Glück guten Mutes auf ihn bauen kann? Wir sollen alle jene Inhalte, die uns von außen zufallen, in unsere konkrete Vorstellung von Glück mit einbeziehen. Aber das Glück ist nicht nur eine Sache, die von ihrem Außenaspekt geklärt werden könnte. Noch entscheidender als Lebensschicksal und Lebensumstände ist die eigene Lebensführung. Glück, das nicht auch von innen kommt, würde bald zerrinnen. Dies ist auch der Grund, warum man letztlich nicht von außen Menschen „glücklich" machen kann, wenigstens nicht auf Dauer. Dies gilt nicht zuletzt auch für die politischen Programme und die Politik. Wer dem Menschen Glück verspricht, teilt entweder eine Selbstverständlichkeit mit, weil alle Menschen nach Glück streben, oder aber er vergewaltigt die freie Entscheidung des Menschen zu seinem Glück, indem er den Menschen auf bestimmte Inhalte festlegt, über die er nur selbst zu entscheiden vermag. Darum nimmt er ihm zugleich ein Stück seiner Freiheit und auch ein Stück seines Glücks.
Wenn dies wahr ist, dann wird auch deutlich, warum man das Glück nicht einfach machen kann. Man kann auch nicht glücklich werden, indem man unmittelbare Ansprüche auf Glück stellt. Die großen Denker haben hier auf eine besonders wichtige Eigenart des Glücklichseins aufmerksam gemacht. Man kann, wie wir aus unserer eigenen Erfahrung wissen, Freude, Glück und Seligkeit nicht direkt ansteuern. Bestenfalls sind dann „gute Stimmung" und vielleicht auch Ausgelassenheit das Ergebnis. Freude und Glück stellen sich auf dem Rücken von Handlungen ein, die auf ganz andere Inhalte zielen. Glück und Freude erscheinen indirekt, wenn uns das Gute glückt. Vielleicht haben wir heute so wenig Glückserfahrung und so viel Glücksansprüche in unserer Gesellschaft, weil wir uns das Glück auf dem leichtesten Weg, nämlich in direktem Zugriff, erobern wollen. Aber dies liegt dann alles in der Dimension des „Habens". Wirklich glücklich sein kann man nur, wenn man auch mit sich selbst einig ist.
Wir haben verschiedene Glückserfahrungen. Einer ist glücklich bei einigen ruhigen Stunden der Muße und des Nachdenkens; glücklich kann man sein bei einem Mahl unter Freunden; glücklich kann man auch beim Eintreten eines Erfolgs sein, um den man lange gekämpft hat; eine wertvolle Einsicht kann uns glücklich machen; das Einvernehmen in der Liebe kann Glück schenken; unerzwungene Hilfeleistung für einen bedürftigen Menschen kann Glück schenken. Wir erfahren vor allem in solchen Gestalten unseres Lebens das Glücklichsein. Unsere Sprache gibt uns jedoch einen wichtigen Hinweis zum Weiterdenken. „Glück" gibt es nicht in der Mehrzahl, also „Glücke". Wohl gibt es einzelne Glücksfälle, die aber eher auf Glückhaben verweisen. Irgendwie ist das menschliche Glück unteilbar. Alle einzelnen Glücksinhalte und Glücksmomente sind in dem vollen Sinn des Wortes und der Sehnsucht „Glück" zusammengefügt. Jede einzelne Glückserfahrung, wie wir sie eben genannt haben, ist immer nur so etwas wie eine Abschlagszahlung. Sie deckt, für sich genommen, noch nicht den vollen Inhalt von „Glück".
Damit ist auch der Punkt erreicht, wo Glücklichsein und Sinnerfahrung zusammengehören. Das Glücklichsein auch wenn es sich in kleinen Schritten und unscheinbaren Gestalten ereignet offenbart, dass Sinn nicht erst in einer unerreichbaren Ferne liegt, sei es ein von dieser Erde völlig getrenntes Jenseits oder die Menschheitszukunft. Glück und Sinn, beide nur in der Einzahl sagbar, sind jedoch Totalitätsbestimmungen. Hinter der Sinnfrage ist nämlich die Grundentscheidung des Menschen verborgen, sein Leben so zu führen, dass sich das Dasein in den alltäglichen Aufgaben sowie auch im Ganzen lohnt, dass es auch in den schwierigsten Situationen trägt und in dieser Sinnerfüllung dem Menschen die Möglichkeit gewährt, sich mit sich selbst und seiner Welt grundsätzlich zu identifizieren.
Glücksverlangen und Suche nach Sinn treffen sich auch darin, dass beide zunächst unbestimmte Begriffe sind, die der Einzelne in dieser oder jener Form mit Inhalt füllen muss. Jede gehaltliche Füllung dieser Begriffe schließt aber zugleich eine Vorentscheidung über die Grundrichtung des eigenen Lebens ein. Auch darum ist der Mensch nicht nur ein Spiel des Zufalls. So sehr die Lebenssituation mit ihren Umständen der Herkunft, Bildung und sozialer Stellung das menschliche Dasein prägen kann, wie tief auch Schicksalsschläge, das Glück eines einzelnen Menschen verfinstern können, ausschlaggebend für das Glück sind letzten Endes nicht die äußeren Faktoren. Darum können auch gerade einfache, ja arme Menschen glücklich sein. Auf einer unteren Stufe hat Glück sicher mit dem Wohlstand etwas zu tun. Aber wenn die äußere Not gelindert ist, dann tritt bald der Unterschied zwischen äußerem Wohlergehen und Glücklichsein hervor. Von einer bestimmten Stufe an sagt Lebensstandard nicht mehr viel aus über das faktische Glücklichsein der Menschen. Dies ist auch eine Grenze jeder Entwicklungsarbeit. Es ist keineswegs sicher, dass wir durch den Import unseres Wohlstandes und unserer Lebensgewohnheiten Menschen der so genannten Dritten Welt schon glücklich machen.
IV. Seligkeit und Gottesfrage
Der Inhalt des Glücks und die Erfüllung des Sinnverlangens können sehr verschieden sein. Der eine kämpft um Gerechtigkeit in der Welt; der andere verzehrt sich im Einsatz für das größere Wohl der Menschen; der dritte versucht unermüdlich Frieden zu stiften; wieder ein anderer führt einen lebenslangen Kampf mit dem Leid und der Krankheit des Menschen. Alle diese Gestalten der Suche nach Sinn müssen sich jedoch früher oder später einer immer schon gegenwärtigen, wenn auch zumeist verborgenen Herausforderung stellen. „Sinn" und „Glück" müssen der Frage standhalten, ob sie auch helfen, notvolle und bedrohliche Lebenssituationen zu bewältigen. Dies geschieht vor allem in den Kontingenzerfahrungen. Es genügt nicht, dass diese uns zum Bewusstsein gebracht werden. Sinn ist nicht identisch mit bloßer Erkenntnis oder gar nur mit Intelligenz. Darum reden wir auch von Sinnerfahrung, die uns geschenkt werden muss.
Wo die moralische und physische Integrität des Menschen verletzt wird, so z.B. in den Ereignissen von Schuld, Vereinsamung, Leiden, Krankheit und Tod, enthält das Versprechen von „Sinn" zugleich die Gewährung von Trost. Sinn bedeutet in solchen Situationen, dass der Mensch in ihnen oder ihnen gegenüber einen letzten Halt findet. Auch wenn er diese Unheilserfahrungen nicht schlechterdings beseitigen kann, so werden sie durch den Trost, der im Sinnversprechen liegt, erst eigentlich „erträglich". Diese Struktur zeigt aber in eins mit dem soeben Gesagten ganz deutlich, dass Sinn vom Menschen nicht einfach produziert wird. Er muss ihn zwar suchen, aber wenn er ihn findet, erweist er sich letztlich als das dem Menschen Gewährte, als eine Gabe.
Weil dies so ist, genügt es auch nicht zu sagen, das Glücklichsein beruhe ganz auf der ethischen Substanz des Menschen. Wenn dies heißen soll, Glücklichsein hänge nicht einfach von äußeren Faktoren ab, so ist dies sicher richtig. Aber man kann nicht übersehen, dass der Mensch auch daran irrewerden kann, dass er immer das Glück nur in eingeschränkter Weise erreichen kann. Darum liegt auch über vielen ethisch hochstehenden Theorien des menschlichen Glückverlangens eine heimliche Trauer und oft tiefe Schwermut. Es handelt sich dabei nicht um die Melancholie der „Erfüllung", von der wir eingangs sprachen. Es geht vielmehr um die Sinnfrage überhaupt: Was ist der Mensch, wenn jedes denkbare Glück überholbar und gefährdet bleibt? Ist der Mensch am Ende doch falsch konstruiert? Wenn er das Glück nur in unvollkommener Weise erreicht, haben dann nicht Vergeblichkeit, Angst und Trauer das letzte Wort?
Der biblische Glaube will auf diese Ausweglosigkeiten eine tröstende Antwort geben. Er verheißt, dass es trotz aller intensiven diesseitigen Glückbefriedigung Leben im Vollsinn nur in dem geben kann, was wir Gott nennen. Nur er gewährt eine Seligkeit, die immer größer ist als jeder menschliche Hunger, und die darum nicht stets neuer Sensationen und rasch wechselnder Interessen bedarf. Vielleicht versteht man von hier aus am besten die klassische Kennzeichnung, dass die Erfüllung des menschlichen Glückstrebens „jenseitig" ist. Hier geht es um die Erreichung eines Zieles, das der menschlichen Sehnsucht entgegenkommt, sie jedoch zugleich unendlich übertrifft. Dieses Glückstreben verachtet nicht die geschichtliche Erfahrung des Menschen. Es kennt die Härte der Geschichte, ja Gott hat in Jesus alle Schicksalsschläge der Menschen auf sich genommen. Da er aber in Anfeindung, Leid und sogar im Tod nicht untergegangen ist, hat er auch für das Leben der Menschen einen letzten Sinn gerettet. Auch das kleine, unvollkommene Glück macht nun nicht mehr heimlich traurig, sondern erweist sich als ein Gleichnis des immerwährenden Glücks. Die Gelassenheit weiß, dass auch dieses Glück nicht festgehalten werden kann. Glück kann unter den Bedingungen unserer Sterblichkeit nie fixiert und darum auch nie endgültig begrifflich festgelegt werden. Man kann oft eher negativ sagen, was es nicht bedeutet. So wird das wahre Verständnis von Glückseligkeit gewonnen, nämlich eine unaufhörliche Erfahrung mangelloser, leidloser Geborgenheit, die nicht mehr aufgehoben, gemindert oder genommen werden kann. In dieser Erfahrung wurzelt zugleich der klassische Begriff des Ewigen: Ewigkeit ist der zugleich ganze und vollkommene „Besitz" nie beendbaren Lebens. Die Schrift sagt es noch treffender: Kein Ohr hat es je gehört, kein Auge hat es je gesehen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2, 9).
Hier kommt fast so etwas wie „Spiel" zum Vorschein. Wirkliche Gnade hat immer etwas mit der Unableitbarkeit des Spiels zu tun. Sie hat einen Grund in Gott selbst, aber wir können ihn nicht verrechnen oder darüber verfügen. Es bleibt so etwas wie der spielerische Gott, der uns am Ende allein das Glück schenken kann.
Wer nach dem Glück fragt, kommt an kein Ende. Unser Leben ist darum auch ein einziger Roman von der Schwierigkeit, glücklich zu sein. Entscheidend ist, dass wir dieser Schwierigkeiten eingedenk bleiben und sie immer wieder durchbuchstabieren. Nicht zuletzt dann haben wir die Chance, dass nicht die Enttäuschung, sondern das Glück das letzte Wort behält.
Wie weit Glücksspiele daran Anteil haben, hängt ganz gewiss vom Einzelnen ab. Sie sind allein sicher nicht schon von sich aus glückbringend. Dies gilt auch für einen großen Gewinn. Aber sie können ermutigend, stützend und helfend mitwirken am größeren Geschenk wahren Glücks.
(c) Karl Kardinal Lehmann