Kardinal Lehmann ein großer Theologe und Ökumeniker

Gefragter Partner im Zeitgespräch

Mainz. Der Bischof von Mainz und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, feiert am Mittwoch, 16. Mai, seinen 65. Geburtstag. An diesem Tag ist um 16.00 Uhr eine Pontifikalvesper im Mainzer Dom vorgesehen. Anschließend findet eine Akademische Feier mit geladenen Gästen im Bildungszentrum Erbacher Hof statt. Neben der Festansprache durch den Metropoliten der Oberrheinischen Kirchenprovinz, Erzbischof Dr. Oskar Saier, wird einer der Höhepunkte die Überreichung einer mehr als 800 Seiten umfassenden Festschrift sein, in der prominente Theologen, unter ihnen auch einige Bischöfe, sowie Schüler von Lehmann mit Beiträgen vertreten sind. Darüber hinaus kommen Vertreter aus Staat und Politik, Wissenschaft und Kultur in Beiträgen und Grußworten zu Wort. Da mit 65 Jahren ein Hochschullehrer in der Regel in den Ruhestand tritt, soll – wie es auch Intention der Festschrift ist - im folgenden Porträt vor allem der theologische Wissenschaftler und Hochschullehrer Karl Lehmann gewürdigt werden, der zu den bedeutendsten Theologen der Gegenwart gehört. Lehmann ist seit 1983 Bischof von Mainz, seit 1987 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und seit Februar 2001 Kardinal.

Studium in Rom

Karl Lehmann, als Sohn eines Lehrers am 16. Mai 1936 in Sigmaringen geboren, versetzte schon als 15-Jähriger Mitschüler und Lehrer in Staunen, weil er Thomas von Aquin im lateinischen Original las und darüber referierte. Viele sagten ihm eine glänzende wissenschaftliche Karriere voraus und haben sich darin nicht getäuscht. Als er nach dem Abitur 1956 das Studium der Philosophie und Theologie an der Freiburger Universität aufnahm, entsandte ihn der damalige Erzbischof von Freiburg, Dr. Hermann Schäufele, schon nach einem Jahr zum Studium an die Päpstliche Universität Gregoriana in Rom (1957-1960 Philosophie und 1960 bis 1964 Theologie). 1962 promovierte Lehmann an der Gregoriana zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über die Seinsfrage im Denken Martin Heideggers, dem er, wie dessen Bruder Fritz, mehrfach in der gemeinsamen Meßkircher/Sigmaringer Heimat persönlich begegnet war.

Lehmanns Doktorväter waren der Jesuit P. Alois Naber SJ und nach dessen Tod der heutige Züricher Weihbischof P. Peter Henrici SJ. Wie Lehmann kürzlich bekannte, blieb die Literatur neben der Philosophie für ihn "das schönste Hobby". Diese frühe Weichenstellung verdankte er vor allem seinem Sigmaringer Gymnasiallehrer Prof. Dr. Rudolf Nikolaus Maier, der Französisch, Philosophie und Deutsch unterrichtete. Durch diesen "überragenden Lehrer" gewann Lehmann auch Zugang zu Lyrikern wie Günter Eich, Paul Celan und Nelly Sachs, "freilich auch zu Goethe, Schiller und Kleist". Durch Maier wurde Lehmann auch motiviert, sich intensiv mit theologischen und philosophischen Fragen auseinander zu setzen.

Assistent von Karl Rahner

Karl Lehmann erlebte in Rom, wo er am 10. Oktober 1963 durch Kardinal Julius Döpfner zum Priester geweiht wurde, das Zweite Vatikanische Konzil aus nächster Nähe. Der Konzilstheologe Karl Rahner SJ - beide kannten sich schon von Freiburg her - entdeckte früh Lehmanns umfassende Begabung und nahm schon während des Konzils in vielfältiger Weise seine Hilfe in Anspruch. Nach Abschluss des Studiums nahm Rahner ihn als wissenschaftlichen Assistenten mit nach München zum Seminar für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie (1964 bis 1967) und nach Münster (1967/68), wo Rahner Dogmatik und Dogmengeschichte lehrte. In dieser Zeit erhielt Lehman ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und wurde durch den Freiburger Erzbischof endgültig für die wissenschaftliche Laufbahn freigestellt.

In jenem Jahr wurde Lehmann an der Gregoriana zum Doktor der Theologie promoviert mit einer Arbeit über das Thema "Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift" – Exegetische und fundamentaltheologische Studien zu 1 Kor. 15,3b –5" – wie in der Philosophie "summa cum laude". Seine theologischen Doktorväter waren P. Edouard Dhanis SJ und P. Max Zerwick SJ vom Päpstlichen Bibelinstitut. Schon mit 32 Jahren wurde Karl Lehmann auf den Lehrstuhl für Dogmatik II der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz berufen. Nur drei Jahre später folgte er dem Ruf der Freiburger Universität auf den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie, den er bis zu seiner Ernennung zum Bischof von Mainz im Jahr 1983 inne hatte.

Ökumenische Forschungsarbeit

Auf Wunsch von Bischof Hermann Volk wurde Lehmann 1969 Mitglied des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen, nach den Gründern auch "Jaeger-Stählin-Kreis" genannt, und wurde 1975 von katholischer Seite dessen wissenschaftlicher Leiter. 1989 wurde er in der Nachfolge von Kardinal Volk Vorsitzender dieses Arbeitskreises. Gerade in der ökumenischen Theologie hat Karl Lehmann sehr viel in Bewegung gebracht. Dies wird vor allem in der Buchreihe des Ökumenischen Arbeitskreises "Dialog der Kirchen" deutlich, die er als Autor und Herausgeber (zusammen mit Wolfhart Pannenberg und Edmund Schlink) maßgeblich geprägt hat. In dieser Buchreihe wird auch deutlich, wie selbstlos Karl Lehmann seine wissenschaftliche Arbeit in den Dienst anderer gestellt und hinter den Kulissen Enormes geleistet hat. Er hat nicht nur Karl Rahner zugearbeitet, sondern in großem Ausmaß auch Kardinal Julius Döpfner.

Bei der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, die 1971-1975 in Würzburg durchgeführt wurde (Würzburger Synode), zeigte sich, wie viel Lehmann daran gelegen war, die wissenschaftliche Theologie in den Dienst der Seelsorge und damit der Menschen zu stellen. Deshalb nahm er auch die gewaltigen Anstrengungen auf sich, während der Synode, der er als Mitglied angehörte, in mehreren Kommissionen beratend und vermittelnd mitzuwirken und schließlich als federführender Herausgeber der Synodentexte zu fungieren (1975-1977). Die hohe Anerkennung, die Karl Lehmann auch über die deutsche Sprachgrenze hinaus gefunden hatte, zeigte sich in seiner Mitarbeit in der Internationalen Theologenkommission. In das Licht einer breiteren Öffentlichkeit trat er als Mitherausgeber eines Sammelwerks dieser Kommission zur "Theologie der Befreiung" (1977). Im Lauf der Jahre bestätigte sich die Hochschätzung in einer Reihe von Ehrenpromotionen u.a. in Innsbruck, Washington, Warschau und Graz wie auch seine Mitgliedschaft in bedeutenden Akademien und im Senat der Max Planck-Gesellschaft.

Selbstlose Zuarbeit für andere

Karl Rahner schrieb zur Bischofsweihe Lehmanns am 2. Oktober 1983 u.a.: "In der heutigen katholisch-theologischen Gelehrtenwelt bei uns in Deutschland gibt es niemanden, der so viel selbstlose und meist unbekannt bleibende Arbeit für andere und für allgemeine kirchliche Aufgaben geleistet hat wie Lehmann." Dazu verwies er auf einige Bücher, "die ohne seine große Hilfe nicht erschienen wären". Lehmann sei ihm ein unersetzlicher Helfer beim Lexikon für Theologie und Kirche, beim Handbuch für Pastoraltheologie und bei "Sacramentum mundi" gewesen. Aber er habe nicht nur ihm, Rahner, selbstlos geholfen, sondern auch bei zahlreichen weiteren Handbüchern und Festschriften fundiert mitgearbeitet. Unter seinen zahlreichen Herausgeberschaften und Fördertätigkeiten haben die Internationale Katholische Zeitschrift Communio (seit 1972) sowie die gesammelten Schriften von Heinrich Schlier, Erik Peterson und Karl Rahner besonderes Gewicht. Die Bibliographie der Bücher und Artikel aus der Feder von Karl Lehmann umfasst inzwischen 1746 Titel.

In Erinnerung an Hans Urs von Balthasar sagte Lehmann einmal: "Stets war ich dankbar, dass ich viele namhafte und zugleich recht verschiedene akademische Lehrer in Philosophie und Theologie hatte. ... So war ich dankbar und froh, nach den vielen Begegnungen mit meinen Lehrern während eines langen Studiums und der Assistentenzeit bei Karl Rahner während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in meiner Freiburger Zeit (1971-1983) aus der Nähe zu Basel Hans Urs von Balthasar genauer kennen zu lernen. ...Wir haben über viele Jahre die deutschsprachige Zeitschrift ‚Communio‘ bei den internationalen Herausgebertagungen gemeinsam vertreten. Er war natürlich der ganz unbestreitbare geistliche wie geistige Vater und ‚Spiritus Rector‘, der im Austausch mit unseren vielen Freunden zugleich die katholische Bestimmtheit und Weite dieser Zeitschrift förderte."

Leidenschaft für Gott

Was Lehmann 1969 zum 65. Geburtstag Rahners schrieb, trifft in seinem Kern auch auf ihn selbst zu: "Die tiefste Wurzel des theologischen Denkens scheint mir in der unablässigen Anstrengung zu liegen, den christlichen Glauben für die Welt von heute elementar geistig aufzuschließen, ihn in allen Bereichen der menschlichen Existenz mutig zu verantworten und seine daseinsverwandelnde Kraft ursprünglich zur Wirkung zu bringen. Diese Leidenschaft für Gott und seine Gnade treibt ihn dazu, gleichsam auf allen Gassen der Welt und inmitten aller menschlichen Fragen Gottes Heil zu künden : radikal, ehrlich, mutig, brüderlich, ungescheut und voll Kraft." Dies kommt im Sammelband mit Aufsätzen Lehmanns von 1993 schon im Titel zum Ausdruck: "Glauben bezeugen - Gesellschaft gestalten". Lehmann hat eine außergewöhnliche analytische Begabung. Dies befähigt ihn, sich in andere Wissens- und Lebensfelder außerhalb der Theologie sehr rasch einzuarbeiten.

Zugleich beflügelt Lehmann eine tiefe Spiritualität im Geist des Freiburger Religionsphilosophen Bernhard Welte und des Theologen Hans Urs von Balthasar, denen er sehr viel zu verdanken hat, in den Einzelfragen inmitten der innerlich zerrissenen modernen Welt das Ganze zu sehen und auf die tiefen Wurzeln des menschlichen Seins in Gott zu verweisen. Nur wer fest im Glauben verankert ist, das ist seine feste Überzeugung, kann sich auf die stürmische See geistiger, gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen wagen und sie bestehen. Sein Wirken als Bischof von Mainz (seit 1983), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (seit 1987) und Kardinal (seit Februar 2001) haben seinen konsequenten Weg als theologischer Wissenschaftler nicht beeinträchtigt. So gehört es zu den Utopien Lehmanns, der als Bischof immer auch Lehrer der Theologie geblieben ist, dass das fruchtbare Gespräch zwischen Lehramt und Theologie, wie er es während des Zweiten Vatikanischen Konzils erlebt hat, weiter geführt wird. Dies hat er in den Auseinandersetzungen um Professor Hans Küng eingefordert und es nach der Kölner Erklärung von 1989 durch die Institutionalisierung der halbjährlichen "Mainzer Gespräche" zwischen Bischöfen und Theologieprofessoren des Mainzer Raums glaubwürdig praktiziert. Durch seine theologische und ökumenische Kompetenz und seine erstaunliche Vielseitigkeit als "Generalist"; ist Kardinal Lehmann nicht nur der ideale Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sondern auch ein besonders gefragter Partner im "Zeitgespräch" in Kirche, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien.

Jürgen Strickstrock (MBN)

 

Karl Kardinal Lehmann

Karl Kardinal Lehmann