Freiwerden für Gott und Freisein für die Menschen

Vom Sinn des Sonntags

Hirtenwort des Bischofs von Mainz zur Österlichen Bußzeit 1987

Inhaltsübersicht (Direktlink)

I. Stirbt der Sonntag am Wochenende?

II. Der Sonntag als Auferstehungstag des Herrn

III. Der Sonntag im Licht der ganzen Bibel: Tag der Schöpfung und Neuschöpfung

IV. Elementare Herausforderungen heute

V. Schlusswort


 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

I. „Stirbt der Sonntag am Wochenende?“

Vor einigen Jahren fassten die vereinten Nationen den Beschluss, künftig nicht mehr den Sonntag, sondern den Montag als den ersten Tag der Woche anzusehen. Als ein Institut der Meinungsforschung vor einiger Zeit nach der Wichtigkeit der Zehn Gebote fragte, kam das Dritte Gebot ..Du sollst den Tag des Herrn heilig halten" auf den letzten Platz. Nur ein Drittel der Befragten wollte es noch für heute gelten lassen.

Es ist nicht viel mehr als 100 Jahre her, dass durch ein allgemeines Beschäftigungsverbot die Sonn- und Feiertage arbeitsfrei wurden und die Sechs-Tage-Woche zur Einführung kam. Dies war ein Segen für die Menschen, die nun Zeit zur Erholung und zur Entdeckung ihrer Begabungen, zur tieferen Gemeinschaft der Familie und auch zum regelmäßigeren Gottesdienst fanden. Der Sonntag war wesentlich durch den Kirchgang, also das Zusammenkommen der Gemeinde zum Gottesdienst, bestimmt. Inzwischen ist die Freizeit erheblich ausgeweitet worden und umfasst in unseren westlichen Gesellschaften den Samstag und den Sonntag. Das so genannte „Wochenende“ bietet so viel Freizeit wie die Arbeitstage zusammen.

Der Sonntag ist nun ganz verwoben mit der Problematik der Freizeit. Er steht in Gefahr, im Wochenende aufzugehen. So sagen wir fast selbstverständlich zueinander „Gutes Wochenende!“ Der Sonntag wird für viele eingeebnet und wird von vielen nicht mehr von den anderen Tagen abgehoben, z.B. durch eine bessere Kleidung, ein gutes Essen und ein Stück Gemeinsamkeit im Kreis der Familie, der Bekannten und der jeweiligen Lebenswelt. Was ist anders geworden?

Der Sonntag wird im Ganzen nicht mehr getragen von einer Gemeinschaft, die gemeinsame Überzeugungen hat und sie in Kultur und Feier zum Ausdruck bringen kann. Der Sonntag ist mehr und mehr zur Freizeit des Einzelnen geworden, die Mitfeier des sonntäglichen Gottesdienstes zum nur noch privaten Entschluss. Das Miteinander" schrumpft zusammen. Dies gilt auch in räumlicher Hinsicht: Arbeit und Wohnen, Familie und Freizeit rücken meist auseinander. An Wochenenden erfolgen geradezu „Völkerwanderungen" aus den Ballungszentren. Die Pfarrgemeinde, in der man wohnt, bleibt zwar wichtig, aber man hat oft eine andere „Anbindung" an diese oder jene Gemeinde oder ihren Seelsorger. Die frei werdende Zeit vertreibt man, indem man das riesige Angebot der Freizeitindustrie nützt, das freilich auf seine Weise neue Abhängigkeiten und unaufhörlichen Stress erzeugen kann.

„Stirbt der Sonntag am Wochenende?“ Treffend hat so einer die Not des Sonntags in unserer Gesellschaft gekennzeichnet. In dieser Situation ist auch ein drastischer Rückgang des Besuches des Sonntagsgottesdienstes mitbegründet. Die Krise ist also tief und rührt sogar an die Fundamente des Menschlichen. Wir brauchen uns darum auch nicht zu wundern, dass wir mit einer bloßen Vermehrung oder Anpassung der Gottesdienst“-Angebote“ oder einer Einschärfung der „Sonntagspflicht“ allein den Tag des Herrn nicht retten.

II. Der Sonntag als Auferstehungstag des Herrn

Die ersten Christen waren der Überzeugung, dass man ohne Sonntag nicht leben könne (Vgl. Ignatius von Antiochien, Brief an die Magnesier 9,2). Die Zeit der Woche und das ganze Leben bekommen von hier Richtung und Maß. So heißt es in einer sehr frühen christlichen Schrift um 100 nach Christus: „Am Herrentag des Herrn aber versammelt euch, brecht das Brot und feiert die Eucharistie, nachdem ihr zuvor eure Sünden bekannt habt, damit euer Opfer rein sei. Es soll aber keiner, der mit seinem Nächsten Streit hat, sich mit euch versammeln, bis sie sich ausgesöhnt haben, damit euer Opfer nicht entweiht werde.“ (Didache 14,1?2). Der Ursprung des Sonntags weist auf die Auferweckung Jesu Christi zurück, die den Jüngern in den Erscheinungen des auferstandenen Herrn zur Gewissheit brachte, dass erlebt. Wahrscheinlich knüpfte man bei der Ausbildung des „Herrentages“ (Vgl. Offb 1,10) ?wie er bald heißt ?, an die Mahlgemeinschaften des Auferweckten mit seinen Jüngern an (Vgl. Lk 24,28?43; Joh 20,19?26), in denen die Anfänge der Feier des eucharistischen „Herrenmahles“ (1 Kor 11,20) nach Ostern zu sehen sind.

Der Sonntag verdankt seinen Ursprung der Auferstehung Jesu Christi. Jeder Sonntag ist eine Art wöchentlicher Osterfeier. Jede Feier des Sonntags ist ein lebendiges Gedächtnis und Bekenntnis der Auferstehung (Vgl. dazu die wichtige Aussage zum Pascha-Mysterium in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Art. 106). Die Christen versammeln sich um ihren Herrn und legen gemeinsam Zeugnis davon ab, dass Jesus Christus lebt. Er ist nicht im Tod geblieben, wie er auch nicht für sich gelebt hat, vielmehr hat er sein Leben in reinster Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters im Himmel für alle Menschen hingegeben, die Sündenlast der Welt auf sich genommen und so für uns alle neue Gerechtigkeit und unzerstörbares Leben erworben. Seither schenkt Gott in Jesus Christus den Menschen, die an ihn glauben, eine solche „Hoffnung gegen alle Hoffnung“ und die Kraft einer Liebe, die stärker ist als der Tod.

Jeder Sonntag erinnert die Christen an diese Zuwendung Gottes zur Welt. Diese Botschaft erreicht nicht zuerst und allein den Einzelnen, sondern Jesus Christus ruft die oft ängstlichen, versprengten Jünger aus ihrer Vereinzelung zusammen und schenkt ihnen einen neuen Raum des Miteinanders, der Hoffnung und der Liebe. Jeden Sonntag hört die christliche Gemeinde den ermutigenden Ruf Jesu Christi wie am Auferstehungstag: „Der Friede sei mit euch!" (Vgl. Lk 24,36; Joh 20,19) Das Mahl, in dem er sich selbst in den Gaben von Brot und Wein den Seinen leibhaftig schenkt, schafft die neue Gemeinschaft der Kirche. Gemeinschaft des Gottesdienstes, des alltäglichen Lebens, der Liebe zum Nächsten und auch der Kultur gehören zusammen und durchdringen sich. So werden die Christen an jedem Ort, auch wenn sie eine kleine Gemeinde sind, „Salz der Erde" und „Licht der Welt" (Mt 5,13.14). Darum gehört zu ihnen auch, gerade am Sonntag, das eucharistische Mahl „in Freude und Einfalt des Herzens" (Apg 2,46).

So kann man verstehen, warum Christen von Anfang an Menschen des Sonntags sind. Das „Sonntagsgebot“, das aus dem Blickwinkel purer Pflicht nur einen dürftigen Hinweis auf diese reiche Wirklichkeit des christlichen Sonntags leisten kann, ist wie eine Krücke, die den säumigen Jünger an seine erste große Liebe erinnern möchte. Schon immer gab es freilich den Abstand zwischen diesem hohen Anspruch und der Wirklichkeit der Sonntagsheiligung. Die Kirchenväter ermuntern von Anfang an die Mitchristen, fleißiger am Gottesdienst teilzunehmen und rügen auch später den schlechten Kirchenbesuch. Nicht selten ist man in der Geschichte der Kirche der Versuchung erlegen, die äußere Verpflichtung des Sonntagsgebotes und die Autorität der Kirche zu überspannen oder z.T. rigorose Strafmittel anzuwenden. Es bedarf jedoch einer mühsamen Überzeugungsarbeit bis zur Einsicht, dass der, der sich regelmäßig aus dem Gottesdienst ausschließt, eine Einladung Gottes ablehnt, die für ihn nur gut und heilsam ist.

III. Der Sonntag im Licht der ganzen Bibel: Tag der Schöpfung und Neuschöpfung

Hinter dem Herrentag steht der Sabbat des Alten Testaments. Meist schauen wir nur auf die Unterschiede. Der Herrentag hat den Sabbat abgelöst. Sonntag und Sabbat sind zwei verschiedene Tage geworden und geblieben. Dennoch stehen sie in einer ganz engen Verbindung. Man sieht dies schon daran, dass die Christen das Gebot der Heiligung des Sabbats konsequent auf den Sonntag bezogen. Wir lernen mehr über den christlichen Sonntag, wenn wir uns ? ohne den Unterschied zwischen beiden zu leugnen ? auf die gemeinsamen Wurzeln besinnen.

Die Aufforderung, den Sabbat zu heiligen bzw. zu achten (vgl. Ex 20,8 ? 11 und Dtn 5,12?15), ist breiter bezeugt als jedes andere Gebot und nimmt unter den Zehn Geboten den größten Raum ein. Die einfachste Form dieses Gebotes sagt schon fast alles über den Sinn: „Sechs Tage kannst du arbeiten, aber am siebten Tag sollst du aufhören. Selbst in der Zeit des Pflügens und des Erntens sollst du ruhen.“ (Ex 34,21) „Sabbat“ heißt in der Tat aufhören mit jeder Arbeit, alle Tätigkeiten unterbrechen und einstellen, schließlich ruhen. Die positive Wendung mahnt uns, den Sabbattag zu „achten“ und zu „heiligen“. Sabbat und Sonntag bedeuten in der Kultur der Menschheit eine Befreiung vorn Joch des unaufhörlichen Arbeitszwanges und ein öffentliches Zeugnis für Gott.

Es ist erstaunlich, welche wichtigen Hinweise das Alte Testament uns gibt.

a) Geschenkte Freiheit

Per Ruhetag soll Israel daran erinnern, dass es aus der Knechtschaft in Ägypten befreit wurde (vgl. Dt 5,15). Ein Leben mit Gott ist allen Machthabern gewachsen. Zu Recht haben die Christen an dieses Heilsereignis des Alten Bundes angeknüpft und in der Auferstehung Jesu Christi die große Befreiung des Menschen gesehen, den nun keine Macht und kein Tod mehr besiegen kann. Am Herrentag möchte uns Gott an diese geschenkte Freiheit und alle Wohltaten der Offenbarung erinnern.

b) Der Ruhetag: seine Heiligung und sein Segen

Die Aufforderung zur Arbeitsruhe wird mit der Bedeutung des Ruhetages bei der Erschaffung der Welt begründet: „Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte“ (Gen 2,3, vgl. Ex 20,11). Gott „heiligt“ diesen Tag, d.h. er sondert ihn von den Werktagen ab, entzieht ihn den Zwängen und Bedürfnissen der Arbeitswelt und bestimmt ihn zum Freiwerden für Gott und zum Freisein für die Menschen. Gott, der Herr aller Zeit, ordnet unsere Menschenzeit. Er „segnet“ den Ruhetag mit belebenden Kräften, damit die Zeit des Menschen von ihm aus Frische, Fruchtbarkeit und Halt erhalte. Wie der erste Werktag des Menschen in der Bibel erst nach dem Ruhetag Gottes beginnt, so ähnlich hat die junge Christenheit mit großer Kühnheit statt des siebten Tages den „ersten Tag der Woche“ als Ruhetag angesetzt. Für den von Gott befreiten und beschenkten Menschen beginnt die Woche, also das Ganze unseres Lebensgefüges, mit dem Ruhetag, der uns Atem schöpfen lässt. Die Bibel sagt an einer Stelle sogar von Gott: „Am siebten Tag ruhte er und atmete auf“ (Ex 31,17).

Dies hat auch Folgen für unseren Umgang mit der Welt. Wer am Sonntag frei geworden und beschenkt worden ist, sieht auch die Schöpfung neu. Er freut sich an ihrer Schönheit und kann gelassener werden. Er misst nicht alles nur mit dem Kalkül der Nützlichkeit und des Wertes für ihn selbst; er lernt darum auch schonen und bewahren. Die Wahrung des Sonntags hat einen hohen Rang bei der Schärfung unserer Verantwortung für die natürlichen Lebensbedingungen.

c) Die soziale Dimension

Die Schrift mahnt auch zur Arbeitsruhe am Herrentag, „damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremdarbeiter zu Atem kommen“ (Ex 23,12). Die Bibel nennt an dieser Stelle ein soziales Motiv. Es werden Menschen genannt ?„der Sohn der Sklavin und der Fremde“ ?, die Willkür und Ausbeutung besonders ausgesetzt und schutzlos sind. Der Ruhetag ist gerade wegen dieser besonders Abhängigen und Wehrlosen da. Das Gebot der Ruhe eröffnet auch eine Gleichstellung der Menschen vor Gott und in ihren elementaren Rechten (vgl. dazu Ex 20,10; Dtn 5,14). Die Propheten wehren sich leidenschaftlich, wenn die Menschen den Sinn des Ruhetages nicht erkennen wollen und ihn zu einem Tag der Geschäftigkeit missbrauchen (vgl. Am 8,5; Jes 1,13; Jer 17,21 ff; Hos 2,12 ff; Neh 13,15 ff; vgl. auch Ex 16,20 ff.).

Nächstenliebe und Hilfe in Not stehen, wie das Neue Testament deutlicher erweist, nicht im Gegensatz zur Heiligung des Herrentages. Unter den wenigen Stellen des Neuen Testamentes, an denen der erste Tag der Woche erwähnt wird, findet sich die Aufforderung, am Herrentag für die Bedürftigen in Jerusalem zu sparen und zu sammeln (vgl. 1 Kor 16,2). Jesus selbst hatte dafür den Weg gewiesen, wenn er in Auseinandersetzung mit einer gesetzlichen Beobachtung des Sabbats einschärfte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27).

d) Symbol künftiger Herrlichkeit

Der Ruhetag ist schon im Alten Bund Vorspiel des neuen Himmels und der neuen Erde. Er ist nicht nur ein Tag des dankbaren Gedenkens, sondern vor allem auch ein Tag der Hoffnung und der Zuversicht: Einmal wird volle Freiheit, ungetrübte Freude, endgültiges Heil sein; kein Tod und keine Träne wird mehr sein. Für diese Zusage ist der Ruhetag jetzt schon Unterpfand und Symbol, aber auch Verpflichtung und Mahnung. „Die Israeliten sollen also den Sabbat halten, indem sie ihn von Generation zu Generation als einen ewigen Bund halten. Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein" (Ex 31,16).

Mitten in der Vorläufigkeit und Vergeblichkeit des Menschenlebens ist der Herrentag ein Vorschein unzerstörbaren Lebens und der kommenden Welt. Die junge Christenheit konnte diese Hoffnung aufgreifen, denn in der Auferweckung Jesu Christi ist die Herrschaft Gottes schon angebrochen. Der Sonntag ist also bereits „der Anfang einer anderen Welt“ (Barnabasbrief 15,8). So sehen die Christen in der Feier des Sonntags den Aufbruch in die Zukunft Gottes hinein. Jede Eucharistiefeier am Sonntag sagt uns: Der Herr kommt, und wir gehen ihm entgegen. Dies ist keine Flucht in die Ewigkeit, denn solche Zuversicht stärkt die Christen in ihrer Sendung und in ihrem Zeugnis im Alltag der Welt.

Der Sonntag hat für die Christen den Sabbat verdrängt. Aber wir haben gesehen, dass zwischen beiden dennoch eine sehr tiefe Verwandtschaft besteht. Der Tag der Ruhe wird freilich in einen neuen Horizont gestellt: Er ist nicht bloß bestimmt durch den Blick zurück auf Schöpfung und einstige Erlösung, sondern auch durch den Blick nach vorn, in die Zukunft Gottes. Der Sabbat ist für den Christen, wie der Kolosserbrief sagt, ein „Schatten des Zukünftigen“ (2,17) geworden.

Aus dem Sabbat wurde der Herrentag, wie er heute noch in den romanischen und slawischen Sprachen heißt. In den germanischen Kulturen wurde nach einigem Zögern die ursprünglich heidnische Bezeichnung "Tag der Sonne" beibehalten; allerdings mit einem neuen Sinn: Jesus Christus ist die aufgehende „Sonne der Gerechtigkeit". Er ist auch das Licht Gottes am Morgen der Schöpfung. Ihn erwarten die Christen auch als das Abendlicht ihres Lebens, das aus der Nacht des Todes für immer aufgegangen ist.

IV. Elementare Herausforderungen heute

Die Feier des Herrentags ist die Antwort der Kirche auf das, was Gott in der Geschichte des Heils getan hat und noch tut. Der Sonntag ist jedoch darüber hinaus die Mitte des menschlichen Lebensraumes, das Maß und der Rhythmus für die Zeit des Einzelnen und der Gesellschaft.

1. Das Sonntagsgebot

Die so genannte „Sonntagspflicht" darf ­ wie schon angedeutet ­ nicht äußerlich verstanden werden. Der Sonntag selbst erschöpft sich auch nicht im Gottesdienst. Wohl ist der Besuch des Sonntagsgottesdienstes nach vielen Ergebnissen von Meinungsumfragen im Ganzen ein überraschend feinfühliger Gradmesser für die Teilnahme am Leben der Pfarrgemeinde. Wer über längere Zeit dem Sonntagsgottesdienst fernbleibt, entfremdet sich gewöhnlich auch der Pfarrgemeinde. Wir kennen alle Begründungen für ein solches Fernbleiben: von der skeptischen Frage „Was bringt mir das?" bis zur tausendmal wiederholten Rede: „Ich gehe lieber auf die Berge, in den Wald, an das Wasser und bin dort frömmer in Gottes freier Natur als in der Kirche". Wir können jedoch nicht privat festsetzen, wo Gott uns begegnen muss. Wir müssen ihm da antworten, wohin Er uns ruft und wo Er sich uns gibt. Wer sich immer wieder vom Gottesdienst fordern lässt, dessen Leben vertieft sich und wird frei. Darum ist das recht verstandene Sonntagsgebot nicht eine lästige Pflicht, sondern ein Anruf an unsere Freiheit, unser Leben einzeln und gemeinsam am Sonntag vor Gott zu bringen: einmal innezuhalten im Trott des Alltags, still zu werden und über sich und sein Leben nachzudenken, Fehler demütig zu bekennen, frischen Mut für einen Neuanfang zu fassen, frei zu werden von den Götzen unseres Lebens, uns hellhörig wieder auf die Nächsten hin zu öffnen, unser Gewissen zu schärfen, einen Größeren in unserem Leben als Herrn und Meister anzuerkennen, dem Einzigen die Ehre zu geben und nur den anzubeten, vor dem allein man die Knie beugen darf und kann... So ist die Erfüllung der „Sonntagspflicht" am Ende eine Wohltat, eine Hilfe zum gelungenen Leben und ein Geschenk erfüllter Zeit. Es muss einem dabei nicht immer von Anfang an stets froh und leicht zumute sein. Manchmal ist es vielleicht fast nur Gehorsam, wenn wir uns auf den Weg zum Sonntagsgottesdienst machen ? aber am Ende sind wir oft auch im Herzen angesprochen und wahrhaft bereichert.

2. Gegenwärtige Brennpunkte

jetzt müsste ich von vorne anfangen, um viele Konsequenzen aufzuzeigen, die aus einem neuen Verständnis des Sonntags folgen. Diesmal wollte ich jedoch nicht zu früh praktisch werden, denn ich bin fest überzeugt, dass in unserem Verhältnis zum Sonntag nur etwas anders und auch besser wird, wenn wir tiefer gehen und uns den Grundlagen unseres Christseins zuwenden. Aber ich will den konkreten Herausforderungen nicht ausweichen. Darum möchte ich wenigstens beispielhaft einige Felder, gleichsam „heiße Eisen“, ansprechen.

a) Die Rolle der Familie

Der Sonntag ist oft darum zerfallen, weil die Gemeinschaft der Familie zerstört ist. Alle laufen nur ihren eigenen Interessen nach. Wie viel Gemeinsamkeit haben wir? Sind wir auch nur „Bahnstiegsgemeinschaften“, die sich zwischen Tür und Angel beim Umsteigen sehen, bevor jeder wieder in einen anderen Zug steigt? Haben wir ein wenig Zeit füreinander ? zum Gespräch, zum gemeinsamen Nachdenken, zur Feier, zum Besuch bei anderen: Kranken, Alten, Bedürftigen und Toten, zum unverzweckten Spiel, zur Stille, zum Lesen, zu jener Zuwendung und Zärtlichkeit, die nicht hastig und gierig „haben“ und besitzen wollen, sondern den anderen sein und aufblühen lassen?

Wenn wir uns darum mühen, finden wir auch wieder Zugang zum Beten und zur Eucharistie, der Dankfeier des Lebens.

b) Der Sonntag und die Vereine

Mit vielen freue ich mich über die große Zahl und die Vielfalt des Vereinslebens in unseren Städten und Dörfern. Wir begrüßen es, wenn viele Eigeninitiative ergreifen und ihre Fähigkeiten und Begabungen auf zahllosen Gebieten entfalten. Dies ist ein wichtiges Gegenmittel gegen das Versinken in Passivität, Langeweile und Genusssucht. Ich danke auch für manche gute Zusammenarbeit zwischen den Vereinen und der Pfarrgemeinde. Zugleich bitte ich alle Vereine, vor allem auch die Sportverbände, sich an die mit den Kirchen getroffenen Vereinbarungen zu halten. Der Mensch ist am Sonntag nicht bloß das Mitglied eines Vereins, der nicht selten einen totalen Anspruch entwickelt, gerade auch auf junge Menschen. Kein einzelner Lebensbereich unserer Gesellschaft, auch nicht der Sport, darf das vielfältige Menschsein absolut für sich beanspruchen und vereinnahmen. Jeder Mensch ist auch das Mitglied einer Familie, Ehepartner, Freund, Glied einer Glaubensgemeinschaft. Lassen Sie auch dafür Zeit und Raum!

c) Der Sonntag und die moderne Arbeitswelt

Unsere Arbeitswelt ist in großer Veränderung begriffen. Im Namen von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit wird in jüngster Zeit vielfach eine Ausweitung der Sonntagsarbeit gefordert. Die Kirche hat für wirtschaftliche Interessen durchaus Verständnis, aber sie bittet die Unternehmer inständig darum, den Sonntag nicht dem Vorrang „ökonomischer Gesetzlichkeiten“ zu opfern. Die so genannte „wirtschaftliche Unentbehrlichkeit“ ist kein letzter Maßstab, der sich über jahrtausendealte kulturelle Errungenschaften und menschliche Grunderfahrungen hinwegsetzen dürfte. Produktion und Rentabilität sind wichtig, aber sie machen nicht den Sinn des Lebens aus. Auch einzelne „Ausnahmen“, die in unserer Gesellschaft oft rasch zur Regel werden, können mehr oder weniger rasch zu einem Dammbruch führen, der das Sonntagsruhegebot aushöhlt. Die Kirche bittet darum die Wirtschaft, im Interesse der arbeitenden Menschen und ihrer Familien die Kultur des Sonntags zu wahren, und den Staat, im Namen der Menschlichkeit die bestehenden Verfassungsgebote zu achten und die Grenzen von notwendigen Ausnahmen eng zu ziehen.

d) Sonntagsfeier in getrennten Kirchen?

„In der Feier des Sonntags und der Liebe zum Gottesdienst sind evangelische und katholische Christen miteinander verbunden. Um so schmerzlicher ist, dass sie noch nicht in der Lage sind, alle ihre Feste in gemeinsamen Gottesdiensten zu feiern. Das zeigt sich besonders am Sonntag." So heißt es in einem Gemeinsamen Wort der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Den Sonntag feiern" aus dem Jahr 1984. Ich weiß, dass dies vor allem für bekenntnisverschiedene Ehepaare eine blutende Wunde am Leib der Kirche darstellt. Sie ist auch für mich ein mächtiger Antrieb zur Weiterarbeit am ökumenischen Versöhnungsauftrag der getrennten Kirchen. Zugleich darf ich Sie und unsere Partner in den anderen Kirchen inständig um Verständnis dafür bitten, dass die katholischen Bischöfe sich nicht berechtigt wissen, ökumenische Gottesdienste als zureichende Sonntagsgottesdienste anzuerkennen. Diese Gottesdienste können angesichts der Unterschiede, die zwischen uns vor allem im Verständnis des geistlichen Amtes, des Opfercharakters der Eucharistie, manchmal auch in der Frage der beständigen Gegenwart des Herrn in den verwandelten Gaben bisher noch bestehen, keine Eucharistiefeiern sein. Weil aber der Sonntag von der apostolischen Überlieferung her mit der Eucharistiefeier verbunden ist, müssen die Bischöfe dieses große Erbe der Kirche achten. Wir können die Gleichstellung mit dem Predigtgottesdienst nicht mitvollziehen. Wir haben nicht die Vollmacht, hier andere Wege zu beschreiten. Wir kommen nur weiter, wenn wir uns über die genannten Probleme verständigen können.

Mit diesen Andeutungen muss ich schließen. Ich weiß, dass diese Antwort für viele knapp ist und hoffe, bald ausführlicher darauf zurückkommen zu können. Der wahre Fortschritt der Ökumene lebt davon, dass wir imstande sind, diese Unterschiede nicht eigenmächtig zu überspringen, sondern aus dem Schmerz noch nicht vollends geschenkter Gemeinschaft Kraft, Mut und Geduld für die nächsten Schritte intensiver Annäherung zu schöpfen.

V. Schlusswort

Dank, Bitte, Segen

Liebe Schwestern und Brüder!

Erlauben Sie mir ein persönliches Schlusswort. Manche von Ihnen werden sich vielleicht fragen: Bischof, hast du keinen größeren Kummer als die Sorge um den Sonntag? Freilich, es gibt noch andere dringliche Nöte und Aufgaben. Aber ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Frage der Rettung des gefährdeten Sonntags über die Weitergabe des Glaubens an die künftige Generation, von der wir so oft reden, aber auch über das Schicksal unserer gewachsenen Kultur und des Menschlichen überhaupt mitentscheiden wird.

Der Text dieses Hirtenwortes ist beim Verlesen gegenüber seiner vollen Fassung notwendigerweise sehr erheblich gekürzt worden. In dieser Form finden Sie den ungekürzten Wortlaut, der im Anhang noch zusätzlich einige Texte zur Vertiefung enthält. Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie mutig und klug zugleich damit auch andere ansprechen, besonders solche, die nicht mehr oder selten am Leben der Gemeinde und am Sonntagsgottesdienst teilnehmen.

Ich danke Ihnen nicht nur für Ihr bereites Zuhören, sondern für Ihr Glaubenszeugnis und Ihre Teilnahme am Leben und am Gottesdienst Ihrer Gemeinde. Die Kirche lebt von dieser unbeirrbaren Treue. Meinen Mitbrüdern im geistlichen Amt, allen hauptamtlichen pastoralen und besonders auch allen ehrenamtlichen Mitarbeitern danke ich für ihre Sorge um eine würdige Gestaltung des Sonntags in unseren Gemeinden und bitte Sie alle, gerade in der Pflege des Gotteslobs mit Freude und in Dankbarkeit dem Herrn zu dienen.

Die Religionslehrer, Katecheten und Erwachsenenbildner bitte ich von Herzen um ihre Mithilfe. Die Eltern und Großeltern bitte ich, mit ihren heranwachsenden Söhnen, Töchtern und Enkelkindern über den Sinn des Sonntags und seine Gestaltung zu sprechen, in Krisen entschieden und behutsam vorzugehen, geduldig dem überzeugenden Wort und noch mehr dem persönlichen Beispiel zu vertrauen.

In wenigen Wochen feiern wir den Ursprung des christlichen Sonntags, das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Ostern ist der Ur-Sonntag unseres Glaubens, der auf den Morgen der Schöpfung zurück und auf den Abend aller geschichtlichen Vollendung vorblickt. Vielleicht gelingt es uns ein wenig, zunächst an den Sonntagen der Österlichen Bußzeit und dann an jedem Sonntag, den Er uns schenkt, Gott zu finden und in Ihm auch wieder uns selbst.

Dazu wünsche ich Ihnen allen den überreichen Segen des dreifaltigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Mainz, im Februar 1987

Ihr Bischof

+ Karl Lehmann

Bischof von Mainz